Brigid und Imbolc – Göttin des Feuers, der Heilung und des Neubeginns
- Sabine Reifenstahl

- 20. März
- 5 Min. Lesezeit

Brigid und Imbolc
Imbolc gehört zu den wichtigsten Festen der keltischen Mythologie und markiert den Übergang vom Winter zum Frühling.
Im Februar, wenn die Welt noch grau und kalt ist, der Boden gefroren und die Tage kurz sind, spürt man bereits, dass sich etwas regt. Unter der Erde, im Licht, das ein bisschen länger bleibt als noch vor ein paar Wochen.
Die Kelten hatten dafür einen Namen, Imbolc, und eine Göttin, die dafür zuständig war: Brigid.
Ich schreibe gerade an einem Roman, der in der Anderswelt spielt, jenem Reich hinter dem Schleier, das in der keltischen Mythologie so lebendig ist wie die Welt, die wir sehen. Und je tiefer ich in diese Welt eingetaucht bin, desto mehr fasziniert mich die keltische Mythologie und gerade auch Brigid. Sie ist widersprüchlich und vielschichtig.
Wer ist Brigid in der keltischen Mythologie?
Brigid gehört zu den Tuatha Dé Danann, dem Göttervolk der irischen Mythologie, den Völkern der Göttin Danu, die in grauer Vorzeit aus dem Nebel kamen und Irland bevölkerten, bevor sie sich in die Anderswelt zurückzogen. Ihr Vater ist kein Geringerer als der Dagda, der mächtigste der Tuatha, doch davon werde ich in einem eigenen Artikel erzählen.
Brigid ist Göttin des Feuers, doch nicht in seiner zerstörerischen Version. Man schreibt ihr drei Bereiche zu, als hüte sie drei Flammen: das Feuer der Schmiedekunst, das Metall formt und Werkzeuge schafft, das Feuer der Heilung, das Wunden schließt und Kranke stärkt und das Feuer der Dichtkunst, das Worte entzündet und Geschichten am Leben hält.
Sie ist also Schutzpatronin der Schmiede, der Heilerinnen und der Dichter – drei Berufe, die im keltischen Irland als heilig galten, weil sie alle eine Art Magie enthielten, die Fähigkeit, etwas Neues aus dem Nichts zu erschaffen.
Kein Wunder, dass sie überlebt hat. Als das Christentum nach Irland kam, wurde aus Brigid vermutlich die Heilige Brigid – der zweiten Schutzpatronin Irlands nach Patrick. Ihr Festtag blieb derselbe und ihr Feuer brannte weiter. In Kildare soll eine ewige Flamme gebrannt haben, gehütet von Nonnen. Möglichweise wurde ältere Bräuche so fortgesetzt, weil die Menschen Brigid nicht loslassen wollten und ihr ein neues Gewand umlegten.
Imbolc: Das keltische Fest des Neubeginns
Der 1. Februar ist Imbolc. Eines der vier großen keltischen Jahresfeste, die das Jahr teilen: Samhain im Oktober, wenn der Schleier zwischen den Welten dünn wird. Beltane im Mai, wenn das Feuer der Fruchtbarkeit entfacht wird. Lughnasadh im August, die erste Ernte. Und Imbolc, das stille Fest des Neubeginns.
Das Wort selbst ist umstritten. Manche leiten es vom altirischen i mbolg ab – „im Bauch“, ein Hinweis auf die trächtigen Schafe, die um diese Zeit ihre Lämmer erwarteten. Andere sehen darin eine Verbindung zu imb-fholc, „sich waschen“ oder „sich reinigen“. Beides passt. Imbolc ist ein Fest der Erwartung und der Reinigung, der erste zarte Atemzug des Frühlings, noch lange bevor er wirklich da ist.
Für die Kelten war dieser Moment bedeutsam. Der Winter war hart, die Vorräte knapp, die Dunkelheit schwer. Und dann erschienen die ersten Schneeglöckchen. Und das Licht kehrte zurück. Es war kein Jubelfest, sondern leise, hoffnungsvoll, verhalten, wie das Aufatmen nach einer langen Anspannung.
Brigid war die Göttin dieses Moments.
Die Brídeog und das Brigid-Kreuz
Wie hat man Imbolc gefeiert? Mit Feuer, mit Reinigung, und mit zwei Symbolen, die bis heute in Irland bekannt sind.
Das Brigid-Kreuz wurde in der Nacht vor Imbolc geflochten, ein Kreuz aus Binsen oder Stroh, das aussieht wie vier Arme, die sich um eine Mitte drehen. Man hängte es über die Haustür. Es sollte das Haus vor Feuer, Krankheit und dem Bösen schützen.
Noch heute werden Brigid-Kreuze in Irland geflochten und über Türen gehängt.
Die Brídeog, wörtlich kleine Brigid, war eine Strohpuppe, die in ein weißes Tuch gekleidet und von Mädchen und Frauen von Haus zu Haus getragen wurde. Wer die Brídeog einließ, durfte auf Brigids Segen hoffen. Man legte sie in ein Bett aus Binsen, stellte einen Stab daneben und am Morgen schaute man, ob der Stab eine Spur hinterlassen hatte. Wenn ja, war Brigid erschienen. Das Jahr würde gut werden.
Es gibt etwas Rührendes an diesem Brauch. Eine Göttin, die als kleine Puppe von Tür zu Tür getragen wird, um jedem Haus einen Besuch abzustatten. Als hätte man verstanden, dass das Heilige nicht nur in den großen Tempeln wohnt, sondern auch in den kleinen Küchen, den rauchigen Herden, den frierenden Familien, die auf den Frühling warten.
Brigid und das Wasser
Feuer kennen die meisten, wenn sie an Brigid denken. Aber sie wird oft auch mit heiligen Quellen verbunden.
In Irland gibt es Hunderte von sogenannten Holy Wells, heiligen Brunnen und Quellen, die Brigid geweiht sind. Man bindet Stoffstreifen an die Bäume daneben, Clooties genannt, und hängt dort Wünsche und Gebete auf. Man trinkt das Wasser, wäscht sich darin und bittet um Heilung. Diese Tradition ist uralt, vorchristlich und lebt weiter.
Feuer und Wasser – eigentlich Gegensätze. Bei Brigid sind sie es nicht. Das Feuer der Schmiedin braucht das Wasser zum Abkühlen. Das Feuer der Heilerin und das Wasser der Quelle gehören zusammen. Brigid hält beides in der Hand, ohne dass eines das andere auslöscht.
Das hat mich beim Schreiben sehr beschäftigt. Diese Vorstellung, dass Gegensätze keine Feinde sein müssen, dass eine Göttin oder ein Mensch oder eine Figur in einem Roman beides in sich tragen kann, ohne daran zu zerbrechen.
Die dunkle Seite: Brigid und der Schmerz
Es gibt eine Geschichte über Brigid, die weniger bekannt ist, aber die ich nicht übergehen möchte.
Ihr Sohn Ruadán fiel im Kampf gegen die Fomori – jene Urgewalten, die Gegenspieler der Tuatha Dé Danann. Brigid kam zu seinem Leichnam und betrauerte ihr Kind.
Ihre Klage war so tief, so durchdringend, dass sie einen neuen Klang schuf: den Keening, den Totengesang, den irischen Klageruf, der noch Jahrhunderte lang bei Begräbnissen angestimmt wurde.
Brigid, Göttin des Feuers und des Lichts, hat tiefen Schmerz erfahren, ihm eine Stimme gegeben und gezeigt, dass Trauer laut sein darf, dass Schmerz nicht verschwiegen werden muss. Der Keening ist kein Zeichen von Schwäche, er ist heilig.
Das ist die Brigid, die mich am meisten berührt. Nicht die strahlende Göttin des Frühlings, sondern die Mutter, die an der Leiche ihres Sohnes sitzt und schreit. Und die verdammt ist, eine Göttin zu sein.
Imbolc heute – was bleibt
Imbolc ist kein großes Fest mehr. Es kennt keine Feiertage, keine Geschenke, keine Dekoration in den Läden. Das ist gut so, denn es ist ein stilles Fest geblieben, für die, die es kennen und feiern wollen.
In der neopaganen Bewegung hat Imbolc eine echte Renaissance erlebt. Menschen flechten wieder Brigid-Kreuze, zünden Kerzen an, gehen an heilige Quellen. Sie suchen in einem alten Fest etwas, das in der modernen Welt schwer zu finden ist: einen Rhythmus. Das Gefühl, dass das Jahr lebt, dass es sich dreht, dass nach jedem Winter die Natur neu erwacht.
Der erste Februar ist meist kalt, aber das Licht kehrt zurück. Immer.
Imbolc taucht übrigens auch in meinem kommenden Roman auf, bei mir als Fest, um das alte zurückzulassen und das neue zu begrüßen, symbolisch durch das Durchqueren eines Feuers.
Die keltische Welt hinter dem Schleier
Brigid ist nur eine der Gestalten, die mich in die Tiefe der keltischen Mythologie gezogen haben. In den nächsten Wochen schreibe ich hier über den Dagda, die Morrigan, die Fomori und die Anderswelt selbst – jenes Reich hinter dem Schleier, in dem mein nächster Roman spielt.
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