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Cú Chulainn (Cuchulain) – Der Hund von Ulster – Leben, Ruhm und Tod eines Halbgottes

Aktualisiert: 6. Apr.

Krieger und Frau mit Krähe

Cú Chulainn (Cuchulain) – Der Hund von Ulster


Es gibt Geschichten, die älter sind als das Papier, auf dem sie stehen. Geschichten, die so tief in das Gedächtnis eines Volkes eingebrannt wurden, dass sie Jahrhunderte überdauern, Invasionen, Verbote, das Vergessen selbst. Die Geschichte von Cú Chulainn (in einer anderen Schreibweise Cuchulain) ist eine davon.


Vielleicht war er der Erste im Klub 27? Einigen Überlieferungen zufolge fiel er in diesem Alter.


Cú Chulainn war kein makelloser Held. Er tötete seinen eigenen Sohn, ohne es zu wissen. Er brach Versprechen. Er war jähzornig, stolz, manchmal grausam. Und doch: Wenn wir einen einzigen Helden nennen müssten, der alles verkörpert, was Irland mit Mut, Opfer und der Würde des Untergangs verbindet, fiele mir dieser Mann ein.


Sein Name bedeutet Hund des Culann. Er wurde als Sétanta geboren und starb jung, aufrecht, an einen Menhire gebunden, damit seine Feinde ihn nicht fallen sähen.

Das ist sein Leben.



Die Geburt: Ein Kind zwischen den Welten

Die Überlieferungen zu seiner Geburt variieren, doch die bekannteste Version berichtet von seiner Mutter Deichtine, der Schwester des Königs Conchobar mac Nessa von Ulster. Sie verschluckte während eines Hochzeitsfestes versehentlich eine Fliege und schlief daraufhin ein. Im Traum erschien ihr der Gott Lugh Lámhfhada, eine der bedeutendsten Gottheiten Irlands, verbunden mit Krieg, Kunst und Königtum, und kündigte an, dass sie sein Kind in sich trägt.


In einer anderen Version floh Deichtine kurz nach ihrer Hochzeit mit dem Sterblichen Sualtam in Gestalt eines Vogels in die Anderswelt, gemeinsam mit fünfzig Frauen. Lugh behielt sie drei Jahre lang dort. Als sie zurückkehrte, war sie schwanger. Sualtam nahm das Kind als seines an.


Eine spätere, literarisch geprägte Version erzählt davon, wie die Männer Ulsters auf der Jagd nach einem Schwarm magischer Vögel von einem Schneesturm überrascht wurden und in einem fremden Haus Schutz suchten. In dieser Nacht gebar die Frau des Gastgebers einen Sohn und gleichzeitig warf eine Stute zwei Fohlen. Am nächsten Morgen war das Haus verschwunden. Nur das Kind und die Fohlen blieben.


Deichtine nahm den Knaben mit und zog ihn auf, bis der Gott Lugh ihr im Traum erschien und sagte: »Ich war der Gastgeber jener Nacht. Das Kind ist meines und soll Sétanta heißen.«

Wie auch immer: Sétanta, der spätere Cú Chulainn, ist der Sohn eines Gottes und einer Sterblichen. Das erinnert mich an Herakles.



Kindheit: Der Junge, der einen Hund tötete und so seinen Namen erhielt

Als kleiner Junge lebte Sétanta bei seinen Pflegeeltern in der Ebene von Mag Muirthemne. Doch die Geschichten aus Emain Macha, der Festung des Königs, ließen ihm keine Ruhe. Sie erzählten von Königssöhnen, ihren Spielen und Wettkämpfen, und er wollte unbedingt dorthin. Seine Mutter riet ihm, auf einen Krieger zu warten, der ihn mitnahm. Aber er machte sich allein auf den Weg und vertrieb sich die Zeit unterwegs mit seinem mit seinem Hurlingstock, einer Silberkugel, Schleuderpfeilen und einem Speer.

Als er ankam, sah er die Knaben bei Übungen und Spielen und stürmte mitten unter sie, ohne die übliche Bitte um Schutz, die jeder Neuankömmling stellen musste. Die anderen Jungen sahen darin eine Herausforderung und griffen ihn an. Sétanta warf sie alle nieder. Conchobar, der König, erkannte seiner Schwester Sohn, beendete den Streit und stellte den Jungen unter den Schutz der anderen Knaben. Doch Sétanta gab keine Ruhe, sondern rang sie erneut nieder.

Der König fragte: »Was willst du denn noch?«

»Ich ruhe nicht eher, bis sich alle unter meinen Schutz stellen.«

Bereits hier wird seine außergewöhnliche Kraft deutlich. Die Knaben stellten sich unter seinen Schutz und Sétanta gab sich zufrieden.



Der Hund des Culann

Wenig später lud der Schmied Culann den König zu einem Fest ein. Conchobar bat Sétanta, mitzukommen. Der Junge wollte erst noch ein Spiel beenden und versprach nachzukommen.

Zu später Stunde fragte Culann, ob noch Gäste zu erwarten wären, weil er sonst seinen Wachhund freilassen würde. Conchobar hatte seinen Neffen vergessen und so ließ Culann den riesigen Wachhund frei, ein Tier, so wild, dass es neun Männer brauchte, um ihn an Ketten zu halten.

Als Sétanta das Anwesen betrat, wollte der Hund ihn zerreißen. Der Junge rang den Vierbeiner nieder und tötete ihn. In einer späteren Version heißt es, er trieb einen Sliotar, den Hurlingball, so hart in den Rachen des Tieres, dass es daran starb.

Culann jammerte, denn das Tier habe sein Hab und Gut beschützt und sei deshalb unersetzlich.

Sétanta versprach, einen Welpen aus der gleichen Zucht zu erziehen. Und bis er so weit wäre, würde er selbst das Anwesen bewachen.

Der Druide Cathbad sagte: »Von jetzt an soll dein Name Cú Chulainn lauten, der Hund des Culann.«

»Ich würde aber gern meinen Namen Sétanta behalten«, erwiderte der Junge.

»Der Name Cú Chulainn wird der eines großen Helden, berühmt in ganz Erinn und Alba.«

Das gab den Ausschlag, von da an hieß er Cú Chulainn.


Kireger mit Speer


Der Krieger: Ausbildung und der erste Kampf

Der Junge, dessen Name nun an den Hund erinnerte, der er ersetzte, sollte bald beweisen, dass er die Kraft eines Löwen besaß. Mit sieben Jahren begann Cú Chulainn seine Ausbildung. Schon kurz darauf belauschte er ein Gespräch des Druiden Cathbad mit seinen Schülern.

Nach den Zeichen jenes Tages befragt, antwortete er: »Wenn ein Knabe heute seine Waffen erhält, so wird er der berühmteste Krieger in ganz Irland werden, doch er wird früh sterben.«

Cú Chulainn warf seine Übungswaffen fort, eilte zu König Conchobar und bat um seine Manneswaffen. Der reagierte erstaunt, bis ihm der Junge von der Prophezeiung erzählte. Da reichte Conchobar ihm Schwerter, Speere, Schilde. Cú Chulainn prüfte sie und zerbrach sie alle.

Schließlich gab der König dem Knaben seine eigenen Waffen, und erst die hielten seiner Kraft stand.


Die bewusste Entscheidung erinnert an Achilles, der ebenfalls einst vor der Wahl stand, ein langes, bedeutungsloses Leben zu führen oder kurz aufzuleuchten, jung zu sterben und für immer in die Geschichte einzugehen.

Etwas Ähnliches soll auch Herakles angeboten worden sein, als er am Scheideweg stand und sich für die Heldenkarriere entschied. Beide bereuten die Entscheidung irgendwann.


In Heldenmanier und noch sehr jung warb Cú Chulainn um Emer, die Tochter des Forgall Monach. Ihr schien er zu unerfahren, daher verlangte sie, dass er zuerst das Waffenhandwerk bei Scáthach, einer berühmten Kriegerin, erlernen sollte.

Folgsam reiste er zur Insel Skye in Schottland.

Scáthach lehrte ihn die Waffenkunst und überreichte ihm die Waffe, die zu seinem Erkennungszeichen wurde: die Gáe Bolga. Dieser Speer wurde mit dem Fuß geschleudert, seine Widerhaken verursachten schwerste Wunden.


Auf Skye begegnete er auch Aífe, der Rivalin Scáthachs. Diese Kriegerin galt als unbesiegbar. Cú Chulainn sollte gegen sie kämpfen, fragte jedoch zuvor, was ihr am wichtigsten sei. So fand er heraus, dass sie ihren Wagenlenker und ihre Rosse über alles schätzte.

»Oh seht nur«, rief er im Kampf. »Aífes Wagenlenker, ihre beiden Pferde und ihr Wagen stürzen die Klippe hinunter!«

Aífe ließ sich ablenken, und Cú Chulainn nutzte die Gelegenheit und packte sie. Als Überlegener handelte er um Geiseln aus Scáthachs Armee und das Versprechen, sie nie wieder anzugreifen. Und er bat darum, ihm einen Sohn zu gebären.

Aífe willigte ein.


Cú Chulainn ließ sie mit einem Kind und einem goldenen Daumenring zurück, den es tragen sollte, sobald es alt genug war, zu seinem Vater zu kommen. Er gab dem Sohn den Namen Connla und auferlegte ihm drei Geasa (Tabus): niemals durch einen Einzelnen vom Weg abgebracht zu werden, niemals einem Einzelnen seinen Namen zu verraten und niemals einen Zweikampf zu verweigern.


Dieses im Stolz gesprochene Geheiß sollte eine schicksalhafte Saat in sich tragen. Die Geasa waren wie Fäden eines Schicksalsnetzes, das sich unausweichlich um Vater und Sohn legen würde.


Noch etwas zeigen diese Episoden aus Cú Chulainns Leben.

Frauen erscheinen in diesen Erzählungen häufig als ebenbürtige oder überlegene Figuren – wie auch in der griechischen Mythologie. Áife war Cú Chulainn, einem der größten Krieger der irischen Mythologie, ebenbürtig. Während er die meisten Siege gegen berühmte Krieger mühelos errang, musste er bei ihr zur List greifen, um sie zu bezwingen.



Das Drama um den Sohn

Es deutete sich bereits an. Connla, der Sohn von Cú Chulainn und Aífe, wuchs zu einem stattlichen Krieger heran. Als er nach Ulster kam, konnte ihn niemand überwältigen. Man schickte Cú Chulainn gegen ihn.


Da er allein kam, durfte der Junge seinen Namen nicht verraten. Ein anderes Geis gebot ihm, jeden Zweikampf anzunehmen. So kämpften Vater und Sohn, ohne dass sie einander erkannten. Der Held siegte mit seiner gefürchteten Gáe Bolga. Als er den sterbenden Fremden betrachtete, entdeckte er seinen eigenen Goldring an dessen Hand.

Warum muss es immer so tragisch enden? Herakles erschlug seine Söhne im Wahn, Cú Chulainn den seinen aus Versehen.



Die Geasa: Verbote, die ein Leben rahmen

Ein Geis (Mehrzahl: Geasa) ist ein sakrales, religiös gebundenes Gebot oder Verbot, eine spirituelle Vorschrift, die für eine bestimmte Person oder für Personengruppen gilt und deren Bruch mit dem Verlust von Kraft, Glück oder dem Leben selbst bestraft wird. Das Wort ist altirisch und bezeichnet ein irrationales Gebot oder Verbot, das sich von der rationalen Rechtssatzung unterscheidet. Es ist nicht Gesetz, sondern Schicksal in Form einer Regel. Ähnliche Einschränkungen gab es auch beim römischen und germanischen Sakralkönigtum.


Man kann die Geasa am ehesten mit dem Tabu vergleichen, wie es Anthropologen beschreiben: ein Verbot, das nicht begründet wird, da es keiner Begründung bedarf. Sein Bruch an sich ist schon das Unheil.

Geasa konnten kollektiv gelten, also für ganze Völker, oder individuell für eine Person. Für Helden und Könige waren sie fast immer individuell und oft eng mit ihrer Geschichte, ihrem Namen oder ihrer besonderen Natur verknüpft.


Fionn mac Cumhaill etwa war es verboten, Rotwild zu jagen oder zu verzehren, Fergus mac Róich durfte kein Bier ausschlagen, das ihm angeboten wurde. Jeder Held trug seine eigenen Verbote.


Für Cú Chulainn ergaben sich seine zwei zentralen Geasa unmittelbar aus seinem Leben. Das erste kam mit seinem Namen.

Der Druide Cathbad verband die Namensgebung Cú Chulainn mit dem Tabu, dass er niemals Hundefleisch verzehren dürfe, sonst verliere er sein Leben. Der Mann, der den Hund des Culann getötet und dessen Platz geerbt hatte, durfte das Fleisch dieses Tieres nicht essen. Das zweite Geis war das der irischen Gastfreundschaft, die kein Held verweigern durfte. Wer eingeladen wurde, musste essen, was man ihm bot.


Beide Geasa zusammen bildeten eine Falle, die seine Feinde bewusst konstruierten. Drei alte Frauen, in manchen Versionen Töchter oder Verbündete Calatins, luden ihn auf seinem Weg zum Kampf an ihr Feuer ein und boten ihm Hundefleisch an. Obwohl er wusste, was es war, musste sich dem darüber stehenden Geis der Gastfreundschaft beugen. Er nahm einen Bissen und legte den Knochen unter seinen Oberschenkel. Die Hand, mit der er das Fleisch berührt hatte, und sein Bein wurden sofort schwächer.

Er übertrat das eine Geis, um das andere nicht zu brechen. Mit geschwächter Kraft zog er in seinen letzten Kampf.


Die Geasa des Sohnes Connla, die Cú Chulainn ihm selbst auferlegt hatte – niemals seinen Namen zu nennen, niemals einem Zweikampf auszuweichen, niemals von einem Einzelnen vom Weg abgebracht zu werden – wurden zur Falle, durch die der Vater seinen Sohn tötete.

Es gibt in den irischen Sagen kaum ein besseres Beispiel dafür, wie die Geasa nicht nur schützen, sondern auch zerstören.



Die Táin: Cú Chulainn allein gegen Connacht

Das größte Epos der irischen Mythologie beginnt mit einem Ehekrach. Königin Medb von Connacht und ihr Mann Ailill stritten eines Nachts darüber, wer von ihnen mehr besitze. Ailill hatte einen weißen Stier, den mächtigsten im Land. Medb besaß keinen, der ihm gleichkam. Der braune Stier von Cooley in Ulster wäre der Einzige, der die Waage ausgleichen könnte.

Sie versuchte ihn mit Verhandlungen zu erlangen, und als das scheiterte, schickte sie ihr Heer, um sich des Stiers zu bemächtigen.


Dummerweise unterlag Ulster einem alten Fluch. Alle Männer des Landes wurden in der Stunde größter Not von den Schmerzen einer Gebärenden befallen und konnten weder aufstehen noch kämpfen. In vielen Versionen wird dieser Fluch auf die Göttin Macha zurückgeführt, manchmal zusammen mit der Badb und Nemain als Teil der Trinität Morrigan bezeichnet. Nachdem sie hochschwanger von den Ulster-Männern gezwungen wurde, ein Wagenrennen zu fahren, obwohl sie um Aufschub bat, rächte sie sich für die Demütigung durch diesen Fluch.


Da Cú Chulainn kein reiner Sohn Ulsters war und zudem in seinen Adern göttliches Blut floss, besaß der Fluch keine Macht über ihn. Er allein konnte das Land verteidigen. Zu diesem Zeitpunkt war er ungefähr siebzehn.

Warum er gegen ein ganzes Heer bestehen konnte?


Frau mit Krähe
Macha


Der Ríastrad: Die Verzerrung

Cú Chulainns übernatürliche Kampfkraft hatte viele Quellen: göttliches Blut, jahrelange Ausbildung bei Scáthach, die Gáe Bolga. Doch das, was ihn wirklich von allen anderen Kriegern unterschied, war der Ríastrad – die Verzerrung. Der Begriff leitet sich vom altirischen Verb ríastraid ab und bedeutet »verdrehen, verformen«.


Die Beschreibung des Ríastrad in der Táin Bó Cúailnge ist eine der eindringlichsten Stellen der gesamten irischen Literatur. Der Körper drehte sich wütend in seiner Haut, sodass Füße, Schienbeine und Knie nach hinten schwangen und Fersen und Waden nach vorne. Die gebündelten Sehnen der Waden wechselten auf die Vorderseite der Schienbeine, jeder Knoten so groß wie die geballte Faust eines Kriegers. An seinem Kopf streckten sich die Schläfensehnen bis zum Nacken, jeder mächtige Knoten so groß wie der Kopf eines einmonatigen Kindes.

Das Gesicht veränderte sich mit. Er sog ein Auge so tief in den Kopf hinein, dass ein Kranich es kaum hätte hervorholen können, das andere fiel auf seine Wange heraus. Sein Mund verzerrte sich furchterregend, sein Kiefer schlug gegen den oberen wie ein löwentötender Schlag, und feurige Fetzen groß wie ein Widdervlies stiegen aus seiner Kehle.


Während des Ríastrad wurde Cú Chulainn unaufhaltsam – und unkontrollierbar. Er konnte Freund nicht von Feind unterscheiden. Genau das machte ihn zur Waffe und zugleich zur Gefahr für die eigenen Männer. In einem bekannten Moment musste er nach einem solchen Anfall durch eine List beruhigt werden. Mugain, die Gattin Conchobars, kam ihm zusammen mit anderen Frauen nackt entgegen, weil er in seiner Kampfraserei drohte, die eigenen Männer anzugreifen. Daraufhin verbarg er schamvoll das Gesicht, und man konnte ihn mit drei Fässern voll kaltem Wasser beruhigen. Jedes Fass soll durch die Hitze seines Körpers zu kochen begonnen haben.


Der Ríastrad kam nicht auf Befehl. Er überfiel ihn. Das erste Mal erlebte er ihn bereits als Kind, als er die Waffen des Königs erhielt. Das nächste große Mal während der Táin, als er nach drei Tagen Schlaf erwachte und die getöteten Jugendkrieger von Emain Macha vorfand, die ohne ihn in die Schlacht gezogen waren. Er wurde zu einem unkenntlichen Monster, das weder Freund noch Feind kannte, und stürmte das Lager der Connacht-Männer. Und ein drittes Mal im Kampf gegen Ferdiad, seinen Waffenbruder, als er dem Freund bereits zu unterliegen drohte und sich der Ríastrad über ihn legte wie eine letzte Ressource, die er selbst nicht rufen konnte, aber die ihn nicht verließ, solange er noch atmete.


Der Ríastrad ist das, was Cú Chulainn von anderen Helden abhebt – und was ihn unberechenbar macht. Er ist nicht die kontrollierte Stärke des Ausgebildeten, sondern das Aufbrechen von etwas, das tiefer liegt als Technik oder Wille. Vielleicht ist es der Gott im Sohn, der sich meldet.


In der nordischen Mythologie wird in ähnlicher Weise von den von Kampfwut getriebenen Berserkern berichtet. Die Wahrheit liegt möglicherweise nicht in Männern, die mit Tierfellen bekleidet in die Schlacht zogen, oder in Kämpfern, die sich in Monster verwandelten. Krieg verwandelt Menschen in Ungeheuer. Und das spannt den Bogen bis in die Neuzeit. Oftmals tun Soldaten Dinge, die sie in Friedenszeiten ablehnen würden. Für die sie sich später vielleicht auch schämen. Es ist wie ein Rausch: Adrenalin, Wut, Angst, Überlebenswille, Instinkte …



Die Schlacht

Wochenlang hielt Cú Chulainn die Furten der Grenzflüsse und focht täglich Einzelkämpfe gegen Medbs beste Krieger.

Unter den Feinden, gegen die er kämpfen musste, war Ferdiad – sein ehemaliger Waffenbruder aus der Zeit bei Scáthach.

Keiner von beiden wollte kämpfen. Medb hatte Ferdiad mit Drohungen und Versprechen überredet, anzutreten. Sollte er sich weiter weigern, würde ein Barde Schmähverse auf ihn verfassen und vortragen. Als sie ihm dann noch ihre Tochter Findabair anbot, zog er in den Zweikampf als Krieger Connachts.

Drei Tage kämpften sie. Drei Nächte verbrachten sie am selben Feuer und tauschten Heilmittel aus. Am vierten Morgen tötete Cú Chulainn seinen Freund mit der Gáe Bolga. Statt ihm wie üblich den Kopf abzuschlagen, sang der Held eine Totenklage.


dunkelhaarige Frau mit Krähe
Morrigan

Die Morrigan: Prüfung, Kampf, Versprechen


Die Morrigan: Schicksalsgöttin, Feindin, Heilerin

Die Beziehung zwischen Cú Chulainn und der Morrigan ist vielschichtig. Sie ist keine bloße Antagonistin und keine Beschützerin. Sie ist die Göttin des Krieges und der Souveränität, die den Helden von Anfang an begleitet. Und er erkennt sie jedes Mal zu spät.


Erste Begegnung: Die rote Frau auf dem Weg (Táin Bó Regamna)

Die erste Begegnung findet noch vor der großen Táin statt und ist im eigenständigen Vortext Táin Bó Regamna überliefert. Cú Chulainn hört nachts einen Schrei. Er folgt dem Laut und trifft auf eine seltsame Gemeinschaft. Ein einbeiniges Pferd, das einen Wagen zieht. Die Deichsel geht ihm durch den Leib. Den Wagen lenkt eine Frau in Rot mit zwei roten Augenbrauen. Ein Mann mit rotem Umhang geht daneben und treibt eine Kuh vor sich her.


Cú Chulainn fährt sie an, doch wann immer er die Frau anspricht, antwortet der Mann, und umgekehrt. Das treibt ihn zur Weißglut. Er springt in den Wagen und bedroht die Frau. Sie behauptet, eine Dichterin zu sein, die die Kuh als Lohn für ein Gedicht vom Rinder-Besitzer Dáire mac Fiachna aus Cuailnge erhalten habe.


Cú Chulainn verlangt, das Gedicht zu hören. Als er sich zurückzieht, trägt sie ihm ein Gedicht vor, das, den Gelehrten zufolge, Anspielungen auf seinen Tod in der kommenden Táin enthält.


Er springt zurück auf seinen eigenen Wagen. Im selben Augenblick sind Frau, Wagen, Pferd, Mann und Kuh verschwunden. An einem Ast nahe ihm sitzt ein schwarzer Vogel.

Jetzt weiß er, wer sie ist, die Morrigan.


»Wenn ich gewusst hätte, dass du es warst, hätten wir uns nicht so getrennt.«

»Was auch immer du getan hättest«, antwortet sie, »Unglück wäre daraus erwachsen.«

Er erwidert, sie besäße keine Macht über ihn und könne ihm kein Unglück bringen.

»Ich habe sehr wohl Macht. Ich werde über deinen Tod wachen – und das werde ich auch.«



Zweite Begegnung: Das Angebot und die drei Tiergestalten (Táin Bó Cúailnge)

Während er die Furten Ulsters wochenlang allein hält, erscheint ihm eine junge Frau in einem bunten Kleid von außerordentlicher Schönheit. Sie nennt sich die Tochter des Königs Búan und sagt, sie liebe ihn wegen seiner Taten und habe Schätze und Rinder mitgebracht.

Er weist sie ab mit der Begründung, er habe keine Zeit für Frauen, solange er in diesem Kampf stehe.

Daraufhin enthüllt sie sich und kündigt an, in welchen Gestalten sie zurückkehren werde, um gegen ihn zu handeln: als Aal in der Furt unter seinen Füßen, als schwarze Wölfin, die Rinder gegen ihn treibt, um ihn zu behindern, und als Färse an der Spitze der Herde.


Alles tritt so ein, während er weiterkämpft.

Der Aal windet sich unter seine Füße in der Furt. Cú Chulainn stürzt, trifft ihn jedoch und verletzt ihn. Die Wölfin treibt Rinder über die Furt, er blendet eines ihrer Augen. Die Färse führt die stampfende Herde an, er bricht ihr mit dem Wurf seiner Steinschleuder das Bein. In allen drei Gestalten gelingt es ihm, die Göttin zu verwunden und dennoch besiegt er seine menschlichen Gegner.



Dritte Begegnung: Die alte Frau mit der Kuh

Nach diesen Kämpfen ist Cú Chulainn erschöpft und brennend vor Durst. Da erscheint ihm eine alte Frau, hager, lahm, blind auf einem Auge. Sie melkt eine Kuh mit drei Zitzen.

Er bittet um Milch, und sie reicht ihm den Trunk.

In verschiedenen Versionen sind es insgesamt drei Becher oder auch drei Schlucke, jedenfalls sagt er dreimal: »Möge dies mir zur Heilung werden, alte Frau – und der Segen der Götter und Nicht-Götter auf dich!«

So heilt er die von ihm geschlagenen Wunden.

Als sie sich zu erkennen gibt, sagt er: »Hätte ich gewusst, dass du es warst, hätte ich dich nie geheilt.«



Warum die Wunden des Cú Chulainn besonderer Heilung bedürfen

In der Heilungsszene der Táin Bó Cúailnge erscheint die Morrigan als alte Frau, die eine Kuh mit drei Zitzen melkt. Die Überlieferung legt nahe, warum sie so erscheinen muss und warum nur er ihr helfen kann: Niemand, den Cú Chulainn je verwundet hatte, genas davon ohne seine Mitwirkung an der Heilung.


Diese Eigenschaft ist keine bloße Erzähllogik, sondern hat eine tiefere mythologische Bedeutung: Die Kraft, die in Cú Chulainns Waffe oder Hand steckt, ist keine neutrale physische Kraft. Sie ist Teil von ihm, gebunden an seine göttliche Herkunft und seine besondere Natur. Eine Wunde von ihm schlagen bedeutet, etwas von ihm selbst in sich zu tragen. Heilung kann daher nur kommen, wenn er sie gewährt.


Für die Morrigan, die dreimal in Tiergestalt von ihm getroffen worden war, bedeutet das: Sie kann sich nicht heilen und ist auf seinen Segen angewiesen. Und dieser Segen muss freiwillig gespendet werden. Hätte er gewusst, wer unter dem Äußeren des alten Weibes steckt, hätte er den Segen verweigert.


Sie, die Schicksalsgöttin, die sein Ende ankündigt, ist seiner Barmherzigkeit ausgeliefert.

Das ist vielleicht das Merkwürdigste an dieser Szene: Cú Chulainn heilt unbewusst seinen mächtigsten übernatürlichen Gegner. Und als er versteht, was er getan hat, ist es zu spät.



Vierte Begegnung: Die Wäscherin an der Furt

In einer Version des Todesberichts begegnet Cú Chulainn auf seinem letzten Weg zu den Feinden einer alten Frau an einer Furt, die seine blutigen Waffen und sein Gewand wäscht. Es ist ein uraltes Zeichen: Die Wäscherin an der Furt zeigt demjenigen den Tod an, dessen Rüstung sie wäscht. Dass es die Morrigan ist, erschließt sich aus dem Kontext der Überlieferung – direkt benannt wird sie in dieser Szene nicht in allen Versionen gleich. Es handelt sich um ein volkstümliches Motiv, das mit der Gestalt der Morrigan verschmolzen ist.



Der letzte Blick: die Krähe auf der Schulter

Als Cú Chulainn sterbend an den Stein gebunden ist, landet eine Krähe auf seiner Schulter. Erst da wagen sich seine Feinde heran, sie hatten drei Tage lang nicht gewusst, ob er noch lebte.

Die Krähe ist das Zeichen der Badb, des Schlachtenkrähen-Aspekts der Morrigan. Sie ist die letzte, die bei ihm ist. Ob sie als Todesbote kommt oder als Begleiterin – das lassen die Quellen offen.


Menhire

Der Tod: Aufrecht bis zum letzten Atemzug

Wie viele große Helden der Antike starb auch Cú Chulainn jung. Seine Feinde hatten ihn in einen Hinterhalt gelockt.

Cú Chulainns Gegner sammelten sich, allen voran Königin Medb, die nie vergaß und nie vergab. Sie zog die Töchter und Söhne des mächtigen Zauberers Calatin heran, schickte sie in die Welt, damit sie die dunkelsten Künste erlernten. Als sie zurückkehrten, kannten sie ein Mittel gegen den unbezwingbaren Kämpfer.


Wieder schwächte der Fluch die Männer Ulsters und Cú Chulainn stand allein da. In manchen Versionen sind es die Töchter des Calatin, die ihn dazu zwangen, seine Geasa zu brechen und ihn dadurch schwächten. Sie sollen auch Zauber gewebt haben und ließen ihn Schlachtenlärm hören, wo keiner war. Sie brachen sein Urteilsvermögen und lockten ihn aus dem Schutz heraus. Drei seiner eigenen Speere wurden gegen ihn verwendet. Der erste Speer tötete seinen Wagenlenker Láeg, der zweite tötete sein Pferd und der dritte traf Cú Chulainn selbst. Seine Eingeweide traten aus dem Körper.

Er bat um Erlaubnis, zum nahen See zu gehen und zu trinken. Sein Feind Lugaid gewährte es.

Cú Chulainn trank und wusch sich. Dann band er sich mit den eigenen Eingeweiden an einen Menhire, damit er aufrecht sterben könnte und seine Feinde ihn nicht fallen sähen.


Der Überlieferung nach steht dieser Stein noch heute, der Clochafarmore, der Stein des großen Mannes, in der Grafschaft Louth.


Lange Zeit wagte sich kein Feind an den Stein heran. Niemand wusste, ob der Held noch lebte, bis eine Krähe auf seiner Schulter landete. Es schien, als trinke sie sein Blut. Erst da glaubten seine Feinde, dass er tot war.

Lugaid trat vor.

Cú Chulainn war dem Tode nah. Doch als Lugaid ihm den Kopf abschlagen wollte, trennte der Held dem Gegner mit dem letzten Atemzug die Hand ab.



Das Erbe: Ein Held für alle und für keinen

Cú Chulainn gehört zu den mythologischen Figuren, die nach ihrem Tod nicht verblassen, sondern größer werden.


Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde er zum Symbol der irischen Nationalbewegung. Eine Bronzeskulptur des sterbenden Cú Chulainn von Oliver Sheppard aus dem Jahr 1912 steht im Dubliner Hauptpostamt. Um 1935 wurde sie von de Valera politisch instrumentalisiert, um an den Osteraufstand von 1916 zu erinnern. Gleichzeitig wurde er von Unionisten in Nordirland als Held Ulsters beansprucht.


Cuchulainn mit Krähe, Statue
Cú Chulainn statue in the General Post Office Dublin (CC BY 2.0 jenniferboyer https://www.flickr.com/photos/jenniferboyer/7170061725)

Ein Held, den beide Seiten zu ihrem Eigen machten, der aber in Wahrheit nur sich selbst gehörte.


Er ist mehr als nur eine Figur aus alten Sagen. Cú Chulainn verkörpert die komplexen Facetten des Heldentums: übermenschliche Stärke gepaart mit tödlicher Wut, unerschütterliche Loyalität und eine tief tragische Existenz.


Er ist der ewige Hund von Ulster, der bis heute Wache über die Seele Irlands hält.

Vielleicht ist das das Besondere an ihm. Er war kein Heiliger und hat oft gefehlt. Als Mensch mit göttlichem Blut tat er das Beste und das Schlimmste, besiegte Feinde, tötete aber auch seinen eigenen Sohn und seinen Waffenbruder. Am Ende starb er aufrecht an einen Stein gebunden, mit einer Krähe auf der Schulter.


Manche sagen, die Morrigan ließ ihn nicht allein sterben. In einigen Deutungen war die Krähe, die auf seiner Schulter saß, nicht nur ein Zeichen seines Todes, sondern die Wächterin, die ihren auserwählten Krieger bis zum letzten Atemzug begleitete. Sie war die Schlacht, er der Held.


Bis heute gehört Cú Chulainn zu den eindrucksvollsten Figuren der keltischen Mythologie



Cú Chulainn wird im modernen Irischen etwa »Koo-chu-lin« ausgesprochen, mit einem »ch« wie in »Bach«.

Seine Geschichte ist im Ulster-Zyklus aufgezeichnet, einer Sammlung mittelalterlicher irischer Texte, schriftlich überliefert ab dem frühen Mittelalter (ca. 8. bis 12. Jahrhundert), mit deutlich älteren mündlichen Wurzeln. Das bedeutendste dieser Werke ist die Táin Bó Cúailnge, der Rinderraub von Cooley.




Primärquellen

• Táin Bó Cúailnge (Der Rinderraub von Cooley). Älteste erhaltene Version im Lebor na hUidre (Buch der Dunklen Kuh), ca. 1100, und im Book of Leinster, ca. 1160. Kritische Edition und englische Übersetzung: Cecile O’Rahilly, Dublin Institute for Advanced Studies, 1967/1976.

• Táin Bó Regamna (Vortext zur Táin; erste Begegnung Cú Chulainns mit der Morrigan). In: Best, R. I. & Bergin, O. (Hrsg.): Lebor na hUidre, Dublin 1929.

• Aided Óenfhir Aífe (Der Tod von Aífes einzigem Sohn). In: Hull, Vernam, PMLA 58, 1943.


Übersetzungen und Nachdichtungen

• Kinsella, Thomas (Übers.): The Táin. Oxford University Press, 1969 (Neuaufl. 2002). — Die bekannteste englische Übersetzung, mit Illustrationen von Louis Le Brocquy.

• Gregory, Lady Augusta: Cuchulain of Muirthemne. John Murray, London 1902. — Einflussreiche Nachdichtung der Ulster-Sagen, wichtig für die irische Nationalbewegung.

Wissenschaftliche Literatur

• Jackson, Kenneth H.: The Oldest Irish Tradition: A Window on the Iron Age. Cambridge University Press, 1964. — Standardwerk zur Frage, ob der Ulster-Zyklus eisenzeitliche keltische Traditionen bewahrt.

• MacKillop, James: A Dictionary of Celtic Mythology. Oxford University Press, 1998. — Umfassendes Nachschlagewerk zu Figuren und Begriffen.

• Mallory, J.P.: The World of Cú Chulainn: The Archaeology of Táin Bó Cúailnge. In: Mallory (Hrsg.): Aspects of the Táin, December Publications, Belfast 1992.


Online-Ressourcen

• Cú Chulainn — Encyclopaedia Britannica: britannica.com/topic/Cu-Chulainn

• Ferdiad — Wikipedia (englisch): en.wikipedia.org/wiki/Ferdiad

• Táin Bó Cúailnge (Dunn-Übersetzung, 1914, vollständiger Text): mythopedia.com/library/tain-bo-cuailnge-dunn-1914

• The Death of Cúchulainn (zur Sheppard-Skulptur): Irish Times, 2015. irishtimes.com

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