Interview mit einem heldenhaften Monster –
Warg aus der Kurzgeschichte »Erweckung«

Protagonisteninterview Sabine Reifenstahl Warg

Im Legionarion-Verlag wird mein Fantasy-Roman mit dem Arbeitstitel »Dunkelheit und Silberglanz« erscheinen. Um neugierig zu machen, gibt es in der Anthologie »Die fünfte Welt« die Vorgeschichte mit dem Titel »Erweckung«.
Eine der Hauptfiguren ist Warg, mein heimlicher Favorit. Er ist kein Held ohne Fehl und Tadel, aber er ist loyal und einfach liebenswert. Deshalb habe ihn in mein Arbeitszimmer eingeladen und lasse ihn zu Wort kommen.

Mit gerunzelter Stirn schaut er umher und schüttelt den Kopf.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«, frage ich irritiert.
»Hier sieht es aus wie bei Enyo, mal abgesehen von ihren Waffenvitrinen.«
»Stimmt, deine Freundin liebt Bücher fast so wie ich, daher habe ich ihr Büro wie eine Bibliothek eingerichtet. Dir konnte ich diese Liebe leider nicht mitgeben.«
»Was sollte sie auch nutzen? Mein Leben ist aufregend genug, da brauche ich nicht noch Geschichten über fremde Schicksale.«
»Das ist ein schlagendes Argument. Wieso stellst du dich nicht vor? Möchtest du lieber Warg oder Erik genannt werden?«
Mit einem tiefen Seufzer lässt er sich in den Sessel mir gegenüber fallen. »Wieso hast du nicht Enyo ausgewählt? Sie ist viel interessanter, eine Göttin, jemand, der die Welt vernichten kann. Sie solltest du befragen.«
»Enyo verleiht ihren Antworten gern mit dem Schwert Nachdruck, außerdem möchten die Leser bestimmt lieber etwas über dich erfahren. Du weißt ja: Ich spiele gern im
Team Monster
Für diese Bemerkung ernte ich einen langen Blick. Warg ist kein Ungeheuer, obwohl er sich in eine gut sieben Fuß hohe Bestie mit Reißzähnen und Klauen verwandeln kann. »Bist du sauer, weil ich dir einen derart harten Lebensstart verpasst habe? Als Kind immer hungrig, und später das Spielzeug einer Hexe …«
»Ohne Frida und ihren Fluch hätte ich Enyo nie kennengelernt. Das ist das Einzige, was mich damit aussöhnt, dass du meine gesamte Familie geopfert hast.«
Manchmal muss eine Autorin zu Mitteln greifen, die ihr nicht gefallen. »Das fiel mir schwer, und ich hätte sie gern verschont«, verteidige ich mich. »Doch dann wärst du nicht, wer du heute bist.«
»Ein Verfluchter.«
»Ein Liebender.«
»Ein fluchbeladener Köter, der zudem Feuer fängt, wenn er seiner Liebe zu nahe kommt. Danke vielmals!« Seine Hand wandert zum Dolchgriff.
Warg ist ein Krieger, nicht nur groß, sondern auch elegant und wendig, mit dunklen Locken und grünen Augen. Wenn er mich so anstarrt, angriffsbereit und zornig, könnte ich fast Angst bekommen. Fast! Er ist der ausgleichende Charakter meines Romanes und neigt weder zu Jähzorn noch Brutalität. Im Gegenteil, oftmals ist er es, der verhindert, dass Enyo ihrem Temperament nachgibt.
Sie wuchs im mediterranen Griechenland als Kriegsgöttin auf, und entsprechend hitzig reagiert sie, während sich Warg, der im Norden geboren wurde, meist kühl und bedacht verhält.
Lächelnd widerspreche ich: »Du bist kein Köter, sondern ein Hybridwesen. Und ich glaube, dir gefällt die Seite als Wolf besser als die menschliche.«
Warg lehnt sich zurück und streckt die Beine aus. »Was du nicht sagst. Wirst du uns irgendwann diese Freiheit gewähren?«
»Das bleibt unser Geheimnis, mein Lieber. Wir wollen dem Geschehen nicht vorgreifen. Verrätst du mir, warum du Enyo so abgöttisch liebst? Das habe ich nie verstanden. Manchmal ist sie eine echte Nervensäge.«
»Weil sie nie das Monster in mir sah. Ich weiß, es war Bestimmung, dass sie sich in mich verliebt hat. Dafür hat ihre Mutter gesorgt, und du hast mir diese scheiß piniengrünen Augen verpasst, durch die Enyo von Anfang an wie durch einen Bann gefesselt wurde.«
»Das glaubst du doch nicht ernsthaft! Sie liebt dich nicht wegen deiner hübschen Augen, Warg, sondern weil du DU bist, ein Teil von ihr.«
Sein Blick wandert zum Fenster, er scheint zu grübeln. Schließlich sagt er: »Wenn Enyo mich verlässt, möchte ich nicht mehr sein. Sie ist das einzig Gute in meinem Leben.«
»Sie würde dich nie verlassen, und das weißt du. Ihr seid füreinander bestimmt.«
»Wirst du mich sterben lassen?«
Ich zucke zusammen. Der Gedanke kam mir, aber ich würde nie meinen liebsten Hauptcharakter über die Klinge springen lassen. Nicht ohne gewichtigen Grund.
»Du zwingst mir eine verdammt große Verantwortung auf«, murmelt er.
»Die Dunkle Göttin zu zähmen, diese Aufgabe habe ich dir auf den Leib geschrieben. Wem sollte das gelingen, wenn nicht dir? Deinetwegen ist die Macht in Enyo erwacht, du hast ihr gezeigt, was Liebe ist. Und nur du kannst sie davor bewahren, der Verlockung dieser düsteren Magie nachzugeben. – Du weißt ja, die Bösen haben meist mehr Spaß.«
»Weil ihnen das Gewissen fehlt, ihre Taten zu beurteilen. Du hast meine Frage nicht beantwortet.«
»Weißt du, was Enyo mit mir machen würde, wenn du stirbst? Du kennst sie fast ebenso gut wie ich. Sie stünde hier und brächte mich mit dem Schwert dazu, dein Leben zu verschonen.«
»Am Ende bestimmst du auch ihr Schicksal!«
Ich stehe auf und gehe zu ihm. »Die Angst, dich zu verlieren, macht Enyo stärker, als du glaubst. Die Dämonin in ihr hält sie mit dem Wissen um deine Liebe in Schach. Ihr ist egal, wer du warst oder bist, sie will keinen Helden, sondern einen Mann an ihrer Seite, dem sie vertrauen kann.«
Warg erhebt sich ebenfalls. Ernst schaut er zu mir herunter. »Falls du mich tötest, entfesselst du etwas, was du möglicherweise nicht zu kontrollieren vermagst.«

Im Ernst? Ich habe euch geschaffen, denke ich, behalte das jedoch für mich.
Er fürchtet nicht um sein Leben, nur darum, dass Enyo ihre Güte gegen die Macht eintauscht. Als Kriegsgöttin liegen Mitleid und Herzlichkeit nicht in ihrer Natur. So wie ich ihr Warg an die Seite gestellt habe, um ihr Wesen zu zähmen, ist sie seine Achillesferse. Je mehr sie leiden, desto wertvoller sind die Momente, die ich ihnen schenke.
In diesem Moment klopft es an der Tür. Warg winkt zum Abschied und verschwindet.

Die fünfte Welt Sabine Reifenstahl

Die Geschichte »Erweckung« ist in der Anthologie »Die fünfte Welt« erschienen.

13 Autoren und Autorinnen ließen sich von den nordischen Mythen inspirieren.

Das Buch gibt es überall im Buchhandel und auf Wunsch signiert und mit Widmung direkt bei mir.