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Die Heilige Schar von Theben – Liebe, die stärker war als der Tod

Aktualisiert: 19. Juni

Hopliten mit Schilden vor antiker Stadt und Bergen; unten Text: Die Heilige Schar von Theben.


Es gibt Geschichten, die man kennen sollte. Nicht weil sie angenehm sind. Nicht weil sie gut ausgehen. Sondern weil sie etwas über die Menschheit sagen, das wichtig ist – und das viel zu lange totgeschwiegen wurde.

Dies ist eine solche Begebenheit.



Die Heilige Schar von Theben – eine Idee, geboren aus Philosophie und Not

Das vierte Jahrhundert vor Christus. Griechenland ist zerrissen, Stadtstaaten kämpfen gegeneinander, Sparta dominiert den Rest mit eiserner Faust. Das böotische Theben duckt sich unter einem spartanischen Besatzungsregiment, das die Kadmeia, die befestigte Oberstadt, seit 382 v. Chr. hält.


In dieser düsteren Zeit wuchs eine Idee.

»Eine Armee, die nur aus Liebenden bestehen würde, könnte die gesamte Menschheit erobern«, ließ Platon die Figur des Phaidros in seinem Symposion sagen.


Es war keine bloße Gedankenspielerei. Platon und seine Zeitgenossen diskutierten ernsthaft die Frage, was einen Krieger wirklich unbesiegbar macht. Und kamen zu dem Schluss, dass es nicht Stärke oder Gehorsam ist, sondern Liebe. Für uns heute eher unverständlich, aber damals machte man sich Angst zunutze, vor dem Menschen zu versagen, den man über alles liebt.



Historische Kartenzeichnung von Sparta und Theben mit Flüssen, Hügeln und Ortsnamen in Sepiatönen.
By This file is from the Mechanical Curator collection, a set of over 1 million images scanned from out-of-copyright books and released to Flickr Commons by the British Library.View in BL GeoreferencerView image on Flickr  View all images from bookView catalogue entry for book., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37637809


Mitten im vierten Jahrhundert v. Chr., in einer Zeit politischer Umbrüche und militärischer Neuordnungen, entstand in der böotischen Stadt Theben eine militärische Formation, die sich grundlegend von den üblichen Bürgerheeren der griechischen Poleis unterschied.


Die Heilige Schar war eine Eliteeinheit der antiken thebanischen Streitkräfte, gebildet aus 150 männlichen Liebespaaren. Sie existierte von etwa 379/378 bis 338 vor Christus.

Dreihundert Männer – einhundertfünfzig Paare. Jeder von ihnen nicht nur Kamerad, sondern Liebhaber, Beschützer, der Mensch, für den zu sterben keine Frage war.



Karte von Griechenland und der Ägäis mit farbigen Gebieten; Titel: Greece under Theban hegemony (371–362 BC).
By Amitchell125 - Own work CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=114814834

Gorgidas und die Geburt einer Legende

Der Mann, dem die Gründung zugeschrieben wird, heißt Gorgidas, ein thebanischer Feldherr und kühner Denker. Gorgidas glaubte, dass die Liebenden heftiger um das Überleben des anderen kämpfen würden als die Nichtliebenden.


Die Grundidee war einfach und zugleich revolutionär: Wer neben seinem Geliebten kämpft, wird nicht vor dem Feind fliehen. Er hält stand aus Angst, dem Partner gegenüber feige zu erscheinen. Die Scham, die die alten Griechen aidos nannten, wurde als Waffe genutzt.

Die Heilige Schar dürfte aus jungen Erwachsenen bestanden haben, vielleicht zwischen zwanzig und dreißig. Die antiken Quellen nennen keine festen sozialen Zugangsvoraussetzungen. Wahrscheinlich wurden die Auserwählten vor allem nach ihrer Eignung, ihren Fähigkeiten berufen. Der Stand spielte eine untergeordnete Rolle. Das bedeutet, sie stammten aus unterschiedlichen Bereichen der freien Bürgerschaft, nicht nur aus adligen Kreisen, aber vermutlich erlaubte man weder Sklaven noch Unfreien, sich hier zu bewähren.


Die Krieger wurden umfassend ausgebildet, möglicherweise bewusst als Gegenpole zu den Qualitäten ihrer Hauptfeinde: den Intellekt der Athener und die berüchtigte Brutalität der Spartaner. Das ist bemerkenswert, sie sollten beides sein. Denker und Kämpfer. Zart und hart. Liebende und Streiter.


Der Legende nach legten die Mitglieder der Heiligen Schar am Schrein des Iolaos ihr feierliches Gelübde ab, das sie im Namen von Eros und Herakles aneinanderband. Die Thebaner zogen in Prozessionen dorthin, um Herakles, den mythischen Gründer des Gymnasiums der Stadt, und seinen Neffen zu ehren.


In der antiken Überlieferung werden Herakles mehrere männliche Geliebte zugeschrieben, darunter Hylas und Admetos.

Seine Beziehung zu Iolaos stach daraus hervor. Die antike Tradition sah in ihm den engsten Gefährten. Nach verschiedenen Quellen begann er ebenfalls als Eromenos seines Onkels Herakles, als sein Schutzbefohlener, also in der klassischen Rolle, die die griechische Gesellschaft kannte und akzeptierte. Diese Verbindung endete nicht wie üblich mit dem Erwachsenwerden. Iolaos wird Wagenlenker, Kampfgefährte, Partner auf Augenhöhe. Die bekannteste gemeinsame Tat der beiden ist der Sieg über die Hydra.

Als Herakles die Köpfe abschlägt und sie ständig nachwachsen, brennt Iolaos die Stümpfe mit Feuer aus. Ohne ihn wäre Herakles gescheitert. Damit nimmt Iolaos eine besondere Rolle in der griechischen Mythologie ein, und das macht ihn zum perfekten Schutzpatron der Heiligen Schar.


Die Botschaft, die im Schwur steckt, ist subtil. Wir beginnen vielleicht als Erastes und Eromenos, aber wir werden gleichwertige Gefährten, aufeinander angewiesen, füreinander stark.


Zwei antike Krieger vor goldenem Himmel: ein muskulöser Mann mit Fellumhang und Löwengürtel, daneben ein Jüngerer mit Speer.

Iolaos könnte die Brücke darstellen zwischen der gesellschaftlichen Norm – der Päderastie – und dem Konzept der Heiligen Schar mit ihren einander ebenbürtig, durch Liebe verbundenen männlichen Paaren. Im Gegensatz zu Hylas zum Beispiel, dessen Verschwinden Herakles fast bricht. Um ihn zu suchen, verlässt der Held die Argonauten.


Die Heilige Schar brauchte keine Geschichte von Sehnsucht und Verlust als Vorbild, sondern eine über Stärke, die aus Gemeinschaft entsteht, so wie die von Herakles und Iolaos.


Plutarchs Überlieferungen deuten darauf hin, dass sich die Paare der Heiligen Schar im Iolaion die Treue »heilig« schworen oder dass zumindest Liebespaare dort ihre Bündnisse bekräftigten. Möglich, dass das den Namen der Heiligen Schar begründete.


Für diesen Bund wurden ausschließlich Liebende ausgewählt, angeblich um den Zusammenhalt zu maximieren. Die Kampfkraft der Einheit dürfte jedoch eher dadurch entstanden sein, dass die Mitglieder »Berufssoldaten« waren, eines der wenigen stehenden Heere außerhalb Spartas. So vereinten sie den Aspekt des Söldners, der ständig trainierte und stets kampfbereit war, mit dem des antiken, von Idealen motivierten Bürgers. Letzteres sollte durch die emotionale Bindung an den Kampfgenossen verstärkt werden.


Moderne Historiker streiten über die Gewichtung von Liebe und professionellen Waffenübungen. Was machte diese Truppe so außergewöhnlich?

Wahrscheinlich beides: Die Liebe gab dem Training eine Seele.




Ein notwendiger Umweg: War Männerliebe in Griechenland wirklich akzeptiert?


Wer ein bisschen über die Antike weiß, stutzt an dieser Stelle.

War Griechenland nicht das Land der Päderastie – der Knabenliebe?

War nicht gerade die dauerhafte Verbindung zwischen zwei erwachsenen Männern sozial problematisch?

Und wie passt die Heilige Schar dazu – dreihundert gleichwertige Männer, die offen als Liebespaare kämpften?

Die kurze Antwort: Genau deshalb ist Theben so besonders.


Sepiafarbene antike Karte von Theben mit Fluss, Hügeln und Ortsnamen; Titel Ancient Thebes unten links.
By The British Library - Image taken from page 47 of 'Pausanias's Description of Greece. Translated with a commentary by J. G.Frazer', No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66111262

Das griechische Modell: Erastes und Eromenos

Die anerkannte Form gleichgeschlechtlicher Beziehungen im antiken Griechenland war die Päderastie.

Das zugrunde liegende Modell kannte zwei fest definierte Rollen: den Erastes – den älteren, liebenden Mann, den Gebenden – und den Eromenos – den jüngeren, geliebten Knaben, den Nehmenden, in der Regel zwischen zwölf und achtzehn Jahre alt.


Diese Verbindung war keine romantische Laune, sondern eine gesellschaftliche Institution. Der Erastes übernahm Verantwortung und wurde Mentor, Erzieher, Beschützer. Er führte den Jüngeren in die Welt der Männer ein – Philosophie, Kampfkunst, bürgerliche Tugend, das Netz sozialer Kontakte, das über Auf- oder Abstieg entschied. Der Eromenos lernte und wurde geformt, und das galt als Ehre.


Ob diese Beziehungen körperlich vollzogen wurden, ist wissenschaftlich umstritten und variierte je nach Region, Epoche und sozialer Schicht. In manchen Poleis war Zärtlichkeit akzeptiert, in anderen explizit verpönt. Was feststand: Es endete mit dem Erwachsenwerden des Eromenos, der dann selbst die Rolle des Erastes übernehmen konnte.

Damit schloss sich der Kreis.



Meinen Herakliden-Artikel habe ich Iolaos gewidmet. Dort erkläre ich, wie diese Beziehungsform in der Gesellschaft verankert war und was sie im Kontext ihrer Zeit bedeutete.


Oftmals gilt das antike Griechenland als offen gleichgeschlechtlicher Liebe gegenüber, als fortschrittlich darin, sie zu akzeptieren. Ein Missverständnis.


Antike griechische Sexualnormen waren regional, sozial und zeitlich sehr verschieden. Homosexuelle Liebe zwischen zwei erwachsenen Männern wurde oft sozial geächtet. Päderastie war das angestrebte Ideal, besonders in Athen.

Ein Bürger, der dauerhaft die passive Rolle eines Eromenos einnahm, verlor seinen Status. Der griechische Begriff dafür war kinaidos.

Wer als kinaidos galt, musste mit rechtlichen und politischen Nachteilen rechnen, durfte keine Rede vor der Volksversammlung halten und wurde aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt.


Die Scham hing nicht an der Zuneigung, es ging um die Hierarchie. Wer war aktiv und wer passiv. Wer führte, wer folgte. Und ob jemand über seine Jugendzeit hinaus in einer Rolle blieb, die die Gesellschaft Jungen vorbehielt.


Zwei sich liebende Männer, beide Bürger und gleichgestellt, passten nicht ins Schema.


Genau hier tritt Böotien in Erscheinung – und vor allem Theben.

Platon lässt in seinem Symposion seinen Redner Pausanias eine bemerkenswerte Unterscheidung treffen. Er differenziert zwischen dem himmlischen Eros – dauerhafter, gleichwertiger Liebe zwischen Männern – und dem gemeinen Eros – flüchtiger körperlicher Begierde. Und er betont, dass in Elis und Böotien, also in Thebens Region, der himmlische Eros gesellschaftlich anerkannt war.

Das ist der kulturelle Boden, auf dem die Heilige Schar entstand.


Sechs griechische Krieger in Bronze-Rüstung mit Schilden stehen dicht beisammen vor Bergen im Abendlicht.

Warum die Heilige Schar kaum woanders hätte entstehen können

In Athen wäre dieses Konzept undenkbar gewesen, zwei erwachsene Männer als gleichgestellte Liebende, beide Krieger, beide aktiv im Leben und im Kampf – das hatte in der athenischen Gesellschaftsordnung keine Heimat.

Genauso in Sparta. Plutarch berichtet, dass ältere Krieger jüngere als Eromenoi unter ihre Fittiche nahmen, eine Beziehung eingebettet in das spartanische Erziehungssystem, das Jungen ab dem siebten Lebensjahr erfasste und zu Kämpfern formte. Der Erastes war Mentor, Vorbild, Verantwortlicher und haftete für den Charakter seines Schützlings. Die emotionale Bindung galt als pädagogisch wertvoll, vielleicht sogar notwendig.

Sparta baute auf strenge Hierarchien, Disziplin, Unterordnung und das Kollektiv zählten. Die Loyalität gegenüber dem Staat stand über persönlichen Bindungen. Der Krieger gehörte Sparta, nicht seinem Geliebten.

In Theben mit seiner böotischen Tradition der gleichwertigen Männerliebe, mit seinem Heiligtum des Iolaos und seiner kulturellen Sprache für das, was zwischen Gleichen entstehen konnte, trug dieser Gedanke Früchte. Gorgidas schuf keine Ausnahme, er nutzte eine Stärke, die sein Volk bereits besaß, und machte daraus das schlagkräftigste Militärkollektiv der klassischen Antike.



Exkurs: Alexander und Hephaistion – die Liebe, die eine Welt eroberte

Wer über Männerliebe in der Antike spricht, kommt an einem Paar nicht vorbei: Alexander dem Großen und Hephaistion. Sie kannten sich seit der Kindheit und kämpften Seite an Seite. Der Feldherr identifizierte sich bewusst mit Achilleus, während er seinem Freund die Rolle des Patroklos zuschrieb.


Wer die Ilias kennt, weiß, von Achilleus Kummer über Patroklos’ Tod. Der sonst edelmütige Held agiert wie wahnsinnig und erschlägt Hektor nicht nur, er schleift die Leiche hinter dem Streitwagen her und verwehrt ihr ein Begräbnis. Erst Priamos, Hektors verzweifelter Vater, vermag das gebrochene Herz von Achilleus zu erweichen. In der Vorliebe für diese Geschichte lag ein finsteres Omen.


Als Hephaistion 324 v. Chr. starb, verfiel Alexander in eine ähnliche Trauer, die seine Generäle erschreckte. Er ließ den Arzt Glaukias hinrichten, der den Kameraden nicht gerettet hatte, und ordnete Trauerzeremonien an, die Wochen dauerten.

Hephaistion wurde als Heros verehrt – eine Stufe unterhalb der Götter, weit über dem, was ein Mensch normalerweise erhielt.


Alexander der Große überlebte seinen langjährigen Gefährten weniger als ein Jahr. Er erholte sich nie von diesem Verlust und folgte ihm mit 32 Jahren in den Tod, hingerafft von einer Krankheit.


Den größten Feldherrn seiner Zeit, denjenigen, der fast die gesamte bekannte Welt unterwarf, verband eine außergewöhnlich enge Freundschaft mit Hephaistion. Das gilt als unstrittig. Ob das eine sexuelle Beziehung umfasste, lässt sich aus den Quellen nicht sicher beantworten und ist meiner Meinung nach auch unerheblich. Was zählt, ist die tiefe emotionale Verbindung der beiden von der Kindheit bis zum Ende.


Zwei antike Krieger in goldener Rüstung stehen Schulter an Schulter vor Sonnenuntergang, ernst und entschlossen.


Pelopidas und der erste Sieg

Unter Gorgidas gehörte die Heilige Schar zum regulären Heer, wurde über die Phalanx verteilt. Es war Pelopidas, der die entscheidende Änderung herbeiführte. Er sah, was diese Männer wirklich waren: eine Einheit, kein Anhängsel.


Ihre erste große Bewährungsprobe erlebte die Kampftruppe in der Schlacht 375 v. Chr. bei Tegyra, als sie auf spartanische Heeresabteilungen (Mora) traf. Was normale Truppen zur Flucht veranlasst hätte, trieb diese Männer in den Angriff. Und sie gewannen.

Dieser Erfolg war von enormer symbolischer Bedeutung, da Sparta bis dahin als militärisch nahezu unbezwingbar galt. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sparta – unbesiegbar seit Generationen – hatte gegen dreihundert thebanische Liebende verloren.

Nach diesem Sieg verband man die Heilige Schar eng mit dem Feldherrn und Politiker Pelopidas, der sie zu seiner bevorzugten Elitetruppe machte.

Über mehr als drei Jahrzehnte hinweg prägte sie die Kriegsführung auf dem griechischen Festland und trug dazu bei, dass Theben zeitweise zur führenden Macht Griechenlands aufstieg.



Anmerkung: Die Geschichte beweist manchmal trockenen Humor.

Rund hundert Jahre vor der Gründung der Heiligen Schar, 480 v. Chr., standen dreihundert Spartaner unter König Leonidas (der sich übrigens direkt auf Herakles als Ahnen berief) einem riesigen persischen Heer gegenüber. Jedenfalls wird es so berichtet, in Wahrheit befanden sie sich an der Spitze einer griechischen Allianz.

Worauf ich jedoch hinaus will: Plutarch überliefert, dass Leonidas bewusst Männer auswählte, die bereits Söhne hatten und deren Erbe so gesichert war. So sollte es ihnen leichter fallen zu sterben, denn sie hinterließen etwas von sich. Die 300 fielen an den Thermopylen.

Die Heilige Schar kämpfte nach einem anderen Prinzip. Diese Krieger sahen sich nicht als bereit zum Sterben an, sie hatten einen Grund zu leben und gaben alles dafür.



Leuktra – Der Tag, an dem die Welt den Atem anhielt

Der 5. August 371 v. Chr. Ein kleiner Ort südlich von Theben: Leuktra.

Das spartanische Heer war das Beste der damaligen Welt, Jahrzehnte fast ohne Niederlage, ein Mythos geboren aus unzähligen Siegen, Blut und Grausamkeit. Dennoch wagte Theben die Konfrontation.


Epaminondas, der Feldherr an Pelopidas’ Seite, ersann die schiefe Schlachtordnung. Statt einer gleichmäßigen Front konzentrierte er seine fähigsten Kämpfer, darunter die Heilige Schar, auf dem linken Flügel, genau dort, wo der rechte, stärkste Flügel der Spartaner stand.

Durch diese neuartige, asymmetrische Aufstellung und die gezielte Konzentration der Eliteeinheiten auf einem Flügel gelang es den Thebanern, die feindlichen Linien zu durchbrechen. Die Heilige Schar spielte dabei eine Schlüsselrolle.


Der Sieg von Leuktra beendete die spartanische Hegemonie und markierte einen Wendepunkt in der griechischen Geschichte. Sogar der König von Sparta, Kleombrotos I., fiel und die gefürchtetste Militärmacht der antiken Welt verlor ihre Vorherrschaft.

Führend beteiligt daran eine Elite aus dreihundert Männern, die Seite an Seite mit ihren Liebsten gegen den Feind fochten. Das sicherte Theben für mehr als dreißig Jahre die Stellung als mächtigste Stadt Griechenlands.



Diagramm der Schlacht bei Leuktra: rote und blaue Truppenpfeile zwischen Spartaner- und Thebanerlager, mit Leuctra markiert.
The Battle of Leuctra – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34909484


Epaminondas – der Mann, der das Ideal lebte

Erzählt man von der Heiligen Schar, muss man den Mann erwähnen, der sie zu ihrem größten Sieg führte – und der selbst verkörperte, wofür sie stand.

Epaminondas, der Feldherr, der bei Leuktra die schiefe Schlachtordnung erfand und damit Spartas Vormacht ein Ende setzte, war nicht nur ein militärisches Genie. Ihn prägten die Männer, die er liebte. Plutarch überliefert in seinen Moralia zwei namentlich bekannte Geliebte.

Asopichos, der mit Epaminondas in der Schlacht bei Leuktra kämpfte und sich dort besonders auszeichnete. Und Kaphisodoros, der mit ihm in Mantineia 362 v. Chr. fiel und an seiner Seite begraben wurde – eine Ehre, die sonst Ehepaaren vorbehalten war.


Auch die lebenslange Verbindung mit Pelopidas galt nicht nur als bloße Freundschaft. Die beiden regierten Theben gemeinsam über zwei Jahrzehnte. Als Pelopidas in einer Schlacht für tot gehalten wurde, verteidigte Epaminondas seinen Körper allein gegen viele, selbst schwer verwundet und entschlossen zu sterben, statt ihn liegenzulassen.


Der größte Feldherr von Theben war ein Mann, der liebte – offen, treu und bis zuletzt.

Epaminondas hatte keine Kinder. Auf den Einwand, er hinterlasse keinen Erben, soll er geantwortet haben, die Schlacht bei Leuktra sei seine Tochter. Sein Vermächtnis gab er nicht in Blut weiter, es war eine Idee mit der Heiligen Schar als ihrem lebendigsten Ausdruck.



Das Ende. Chaironeia, 338 v. Chr.

Dann kam Philipp II. von Makedonien, der Vater Alexanders des Großen, der Griechenland nicht erobern, sondern besiegen wollte. Mit Blut, Politik, Diplomatie und einem Heer, das anders agierte als alles, was Griechenland kannte.


Im August 338 v. Chr. marschierten die Truppen Philipps auf der Hauptstraße von Phokis nach Böotien, um die alliierte Armee anzugreifen, welche die Straße bei Chaironeia blockiert hatte. Beide Heere zählten nach antiken Quellen rund 30.000 Mann, wobei die Zahlen differieren. Die Makedonier führte Philipp II. an. Sein achtzehnjähriger Sohn Alexander trat erstmals in Erscheinung und kommandierte die Kavallerie auf dem linken Flügel.

Die Athener und große Teile der griechischen Heeresallianz flohen. Dagegen hielt die thebanische Heilige Schar die Stellung und kämpfte bis zum bitteren Ende. An diesem Tag verloren über 250 der 300 Krieger ihr Leben. Der Rest wurde umzingelt und überwältigt, aber er kapitulierte nicht.


Was aus den 46 Überlebenden wurde, die meisten vermutlich ohnehin schwer verwundet, darüber schweigen die historischen Schriften.

Nach Plutarch soll Philipp II. beim Anblick der Gefallenen Tränen vergossen haben. Seine Worte hallen durch die Jahrhunderte: Soll sterben, wer von diesen Männern auch nur denkt, sie hätten etwas Unehrenhaftes getan.


Auch wenn er nie so etwas gesagt haben sollte, kann ich mir vorstellen, dass Philipp II. ihre Tapferkeit bewunderte. Das passt zu einem charismatischen Anführer. Deshalb möchte ich glauben, dass er die wenigen, die die Niederlage überlebten, nicht exekutieren oder versklaven ließ, sondern ihnen medizinische Versorgung und die Freiheit gewährte.


Was wirklich passierte, bleibt im Dunkel der Geschichte. An diesem Tag wurde die Heilige Schar endgültig vernichtet.


Schema der Schlacht bei Chaironeia: Thebaner, Athener, Alexanders Thessaler und Philipps makedonische Reiterei.
The Battle of Chaeronea, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10623284

Das Grab – und was uns Ausgrabungen über 2200 Jahre später erzählte

Die Geschichte der Heiligen Schar wäre vielleicht eine Legende geblieben, zu schön und zu bewegend, um wahr zu sein. Doch Archäologen fanden Beweise.

Pausanias erwähnt in seiner Beschreibung Griechenlands, dass die Bewohner von Theben eine riesige Löwenstatue über dem Gemeinschaftsgrab der in der Schlacht von Chaironeia gefallenen Heiligen Schar nahe dem Dorf Chaironeia errichtet hätten.

Dieser Löwe verschwand aus dem kollektiven Gedächtnis und Jahrhunderte vergingen. Das Christentum kam, das Römische Reich, der Verfall.


Im Sommer 1818 entdeckten drei Briten bei einem Ausflug nach Chaironeia ein Stück behauenen Marmor, das aus dem Boden ragte. In Kenntnis historischer Quellen wie Pausanias beschlossen sie, dort zu graben und stießen auf den Kopf einer Löwenstatue.


Der Löwe von Chaironeia erblickte erneut das Licht der Welt. Fünfeinhalb Meter hoch stand er auf seinem Sockel. Grauer böotischer Marmor, ohne Inschrift. Die brauchte er auch nicht.


Ab 1879 untersuchte die griechische archäologische Gesellschaft unter Leitung von Panagiotis Stamatakis diesen Fund. Im folgenden Jahr legten sie die Skelette von 254 Männern frei, sorgfältig in sieben Reihen angeordnet, und identifizierten sie als die Überreste der Heiligen Schar. Die Gebeine wiesen Spuren von tödlichen Verletzungen aus einem Nahkampf auf: zertrümmerte Schädel, Speerspitzen zwischen Rippen und Rückgrat, gebrochene Knochen.


Ein Detail berührt mich am meisten: Die Lage mehrerer Gebeine deutet darauf hin, dass sie Hand in Hand oder Arm in Arm begraben wurden. Zweiundzwanzig Jahrhunderte ruhten sie beieinander, über den Tod hinaus vereint.


2019 tauchten in einem Athener Archiv die Grabungstagebücher des griechischen Archäologen Panagiotis Stamatakis auf. Darin beschreibt er minutiös Lage und Zustand der Skelette. Diese Tagebücher blieben fast 150 Jahre lang verborgen, als hätten sie auf jemanden gewartet, der bereit ist, sie zu lesen und seine Schlüsse zu ziehen.


Steinerner Löwe auf Sockel in Park mit hohen Zypressen und Rasen.
Löwe von Chaironeia by Philipp Pilhofer - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62957010

Was die Geschichte dieser Liebe zeigt

Die Heilige Schar ist oft Fußnotenwissen, bekannt in Fachkreisen, selten besprochen. Dabei ist ihre Geschichte eines der mächtigsten Gegenargumente gegen jeden, der behauptet, queere Liebe sei eine Erfindung der Moderne, eine Schwäche, eine Abweichung.


Diese Männer gehörten zu einer der angesehensten Elitetruppen der Antike außerhalb Spartas, philosophisch gebildet, kriegerisch unerschrocken. Und sie liebten einander – offen, geweiht, eingeschworen vor den Göttern.


Neben ihrer militärischen Bedeutung hatte die Heilige Schar auch eine starke kulturelle und symbolische Wirkung. Sie verkörperte ein Ideal von Bürgertugend, Opferbereitschaft und Loyalität, das in Reden, literarischen Texten und späteren historischen Darstellungen immer wieder aufgegriffen wurde. Gleichzeitig spiegelte sie die besondere Identität Thebens wider, das sich bewusst von den politischen und gesellschaftlichen Modellen Spartas und Athens abgrenzte.


Ihr Andenken lebt weiter. Als Alexandros Ypsilantis 1821 die erste organisierte Militäreinheit des griechischen Unabhängigkeitskrieges gründete, gab er ihr den Namen Heilige Schar. Er wollte, dass diese jungen Männer die Seele seiner Armee werden.


Der Löwe von Chaironeia erinnert uns heute an Größe, Heldenmut und Liebe. Seit 1902 schaut er restauriert und aus den Fragmenten zusammengesetzt erneut über die böotische Ebene, dorthin, wo 150 Liebespaare bis zum Schluss kämpften und liebten.



Der Orden von Chaironeia – als Nachkommen den Löwen wiederaufbauten


Die Geschichte der Heiligen Schar endet nicht im Jahr 338 v. Chr. und nicht mit der Wiederentdeckung des Löwen im 19. Jahrhundert. Es gibt ein Detail, das man kaum glauben würde, wäre es nicht dokumentiert.


Der Löwe von Chaironeia wurde im frühen 19. Jahrhundert zerlegt. Im Freiheitskampf gegen die osmanische Herrschaft brauchten die Griechen die Bleiklammern, die den Marmor zusammenhielten, um sie einzuschmelzen und Gewehrkugeln daraus zu formen. Das Denkmal der Heiligen Schar wurde buchstäblich zu Munition.


1902 wurde der Löwe wiederhergestellt, auch mit finanziellen Mitteln vom Orden von Chaironeia, einer britischen Geheimgesellschaft, gegründet 1897 vom Dichter und Aktivisten George Cecil Ives. Der Orden diente der Pflege eines homosexuellen moralischen, ethischen, kulturellen und spirituellen Ethos und war Männern vorbehalten, die Männer liebten. Und das in einer Zeit, in der Homosexualität in England unter Strafe stand. Gerade erst war Oscar Wilde wegen »grober Unzüchtigkeit« verurteilt und ins Zuchthaus geschickt worden.


Diese Männer, die ihre Liebe vor dem Gesetz verbergen mussten, beteiligten sich an der Finanzierung des Grabmals von dreihundert Kriegern, die ihre Liebe auf einem Schlachtfeld ausgelebt hatten. In der Heiligen Schar sahen seine Mitglieder bestimmt nicht nur Geschichte, sondern auch sich selbst. Sie haben verstanden, was dort begraben liegt, und sorgten mit dafür, dass es nicht vergessen wird.


Sepia-Porträt einer Person auf einem Samtsofa, lässig zurückgelehnt mit Papier in der Hand, nachdenklich.
Oscar Wilde (1882) By Napoleon Sarony - http://hdl.loc.gov/loc.pnp/ppmsca.07756, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5459869

Eine persönliche Note: Annrais Leibgarde

Für mich war die Heilige Schar stets mehr als eine Fußnote, sie fasziniert mich, seit ich zum ersten Mal von ihr hörte. Dennoch plante ich nicht, was beim Schreiben meines Fantasy-Romans Tanz der Bärenkönigin passierte.


Thronerbin Annrai befreit Kämpfer, die in Liebe verbunden sind, und bringt sie dadurch in Gefahr, denn in Annrais Reich sind gleichgeschlechtliche Beziehungen verboten. Das grausame Schicksal ihres Bruders, lange vor ihr verborgen, hatte ihre Sichtweise verändert. Er, der eigentlich das Land regieren sollte, wurde verbannt und starb, weil er einen Mann liebte. Damit sich dergleichen nicht wiederholt, beruft sie die Befreiten zu ihrer Leibgarde und stellt sie unter ihren persönlichen Schutz.


Annrai hat nur wenige, denen sie traut. Vom eigenen Volk wird sie gefürchtet, weil sie anders ist und sich in einen Bären verwandeln kann. Die Adligen hassen sie, weil sie einer Frau unterstellt sind. Die Generäle halten sie für ein Mädchen, dabei kämpft sie an vorderster Front.



Goldener Löwenkopf auf grünem Ornamente-Hintergrund; Titel Tanz der Bärenkönigin von Sabine Reifenstahl.




Mit dem Angebot, in ihre Dienste zu treten und frei zu lieben, schafft Annrai sich die zuverlässigste Schutzgarde, die sie bekommen kann. Niemand kämpft verbissener als jemand, der alles zu verlieren hat und zugleich den liebsten Menschen an seiner Seite weiß.

Diese Idee ist nicht neu, sie ist über zwei Jahrtausende alt. Und ich wünschte mir, sie würde viel bekannter.


Was wir heute wissen, verdanken wir antiken Historikern wie Plutarch, Pausanias und den Tagebüchern, die in einem Athener Archiv auf ihre Entdeckung warteten. Auch wenn sich die Spur der Gebeine nach ihrer Bergung verlor, sie waren da und erzählten ihre Geschichte, eng beieinander im Tod wie im Leben. Das gibt mir Hoffnung, dass wir uns weiter an den Heldenmut und die Liebe jener dreihundert Männer auf der Ebene von Chaironeia erinnern.





Zum Weiterlesen – für alle, die neugierig geworden sind:

Wer tiefer einsteigen möchte, dem sei vor allem James Romm, The Sacred Band (Scribner, 2021) empfohlen – die bisher gründlichste und zugleich lesbarste Aufarbeitung der Geschichte der Heiligen Schar, leider nur auf Englisch erschienen.

Den antiken Hauptzeugen Plutarch und seine Vita des Pelopidas kann man kostenlos online lesen – auf Englisch bei Wikisource. Eine ältere deutsche Übersetzung findet sich über das Internet Archive.

Platons Symposion – die philosophische Grundlage für das Konzept der Heiligen Schar – ist auf Deutsch kostenlos bei Project Gutenberg zugänglich (dort unter dem Titel Gastmahl).


Wissenschaftliche Quellen:

Antike Primärquellen: Plutarch, Vita des Pelopidas; Plutarch, Vita des Alexandros (Alexanders des Großen); Platon, Symposion; Diodor Siculus, Bibliotheca historica XVI; Pausanias, Beschreibung Griechenlands IX,40; Aischines, Gegen Timarchos; Xenophon, Hellenika.

Moderne Forschung: Paul Walter Ludwig, Eros and Polis (Cambridge University Press, 2002); James Romm, The Sacred Band (Scribner, 2021); Daniel Ogden, Homosexuality and Warfare in Ancient Greece, in: Lloyd (Hrsg.), Battle in Antiquity (Duckworth, 1996); David Leitao, The Legend of the Sacred Band, in: Nussbaum / Sihvola (Hrsg.), The Sleep of Reason (University of Chicago Press, 2002).

Archäologie: Ausgrabungstagebücher des Panagiotis Stamatakis (wiederentdeckt 2019, Athenisches Archiv); Georgios Sotiriadis, Ausgrabungen Chaironeia 1879/1902–1904 (Griechische Archäologische Gesellschaft).

1 Kommentar


Jenelle
Jenelle
10. Juli

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