Die Raunächte, das Wilde Heer und antike Ursprünge von Weihnachten
- Sabine Reifenstahl

- 21. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit

Weihnachten: die Raunächte, das Wilde Heer und antike Ursprünge
Wenn die längsten Nächte des Jahres anbrechen und die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag anbricht, spüren viele Menschen etwas Besonderes. Es ist die Zeit der Raunächte – jene zwölf mystischen Nächte, die seit Jahrhunderten mit Bräuchen, Ritualen und einer tiefen Symbolik verbunden sind.
Was sind die Raunächte? Der Ursprung zwischen Mond und Sonne
Die Herkunft der Raunächte wird auf den germanischen Mondkalender zurückgeführt, der ein Jahr mit zwölf Mondmonaten und 354 Tagen bezifferte, während das spätere Sonnenjahr 365 Tage umfasste. Die Differenz von genau elf Tagen beziehungsweise zwölf Nächten bildete die Grundlage für diese besondere Zeit.
Diese Nächte wurden als Tage außerhalb der normalen Zeitrechnung angesehen – eine Art zeitlose Zwischenphase, weder dem alten noch dem neuen Jahr zugehörig. Die Volkskunde bezeichnet sie auch als Zwölf Nächte, Glöckelnächte oder Innernächte. Je nach Region unterscheidet sich die Anzahl der Raunächte zwischen drei und zwölf Nächten.
Die Forschung zu den Raunächten stützt sich auf volkskundliche Quellen und ethnografische Sammlungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Die Zeitspanne: Vom 21. Dezember bis zum 6. Januar
In der wissenschaftlichen Betrachtung gibt es unterschiedliche Traditionen, wann die Raunächte genau beginnen. Meist handelt es sich um die Nächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar, gelegentlich auch um die Zeit zwischen der Wintersonnenwende am 20./21. Dezember und Neujahr.
Die Etymologie: Rauch, Rauheit oder Geister?
Die Herkunft des Wortes Raunacht ist umstritten. Einer Auslegung zufolge geht es auf das mittelhochdeutsche Wort rûch für haarig zurück und würde sich auf mit Fell bekleidete Dämonen beziehen. Eine andere Herleitung verbindet den Namen mit dem traditionellen Beräuchern der Ställe mit Weihrauch.
Antike Ursprunge von Weihnachten – Die römischen Saturnalien: Ein Fest der Umkehrung
Nicht direkt mit den Raunächten, für mich jedoch mit Weihnachten verbunden, sind diese antiken Feiertage.
Die römischen Saturnalien waren eines der bedeutendsten Feste der Antike und bieten einen faszinierenden Blick auf vorchristliche Winterfeste. Sie waren ursprünglich ein Fest zu Ehren des Gottes Saturn, der als Herrscher des Goldenen Zeitalters galt und als Gott des Ackerbaus verehrt wurde.

Zeitpunkt und Entwicklung
Ursprünglich wurde das Fest am 17. Dezember gefeiert und stand mit dem Abschluss der Winteraussaat in Verbindung. Nach der julianischen Kalenderreform fanden die Saturnalien als mehrtägiges Fest zwischen dem 17. und 23. Dezember statt, später wurden sie bis zum 30. Dezember ausgedehnt.
Die Bräuche der Saturnalien
Die Saturnalien waren ein außergewöhnliches Fest, das die römische Gesellschaftsordnung zeitweise auf den Kopf stellte.
Öffentliche Feierlichkeiten: Die Feiern begannen mit einem Opfer vor dem Tempel des Saturn und einem öffentlichen Mahl. Schulen und andere öffentliche Einrichtungen waren während der Festtage geschlossen, es gab Gerichtsferien und Kriegshandlungen wurden eingestellt.
Geschenke und Gelage: Es war üblich, sich zu den Saturnalien zu beschenken. In privaten Gastmählern mit zum Teil exzessiven Trink- und Essgelagen wurden Spottgedichte und Rätsel vorgetragen. Würfelspiel um Geld war offiziell erlaubt und Festgeschenke konnten verlost werden.
Soziale Umkehrung: Römische Bürger legten die Toga ab und trugen bequeme Tuniken. Die Teilnehmer setzten sich Filzkappen auf, die sonst nur von freigelassenen Sklaven getragen wurden. Sklaven waren mit den Bürgern gleichgestellt und man bewirtete sich gegenseitig oder speiste gemeinsam. In einigen Fällen bedienten sogar Herren ihre Sklaven.
Der Saturnalienfürst: Es wurde ein Saturnalienfürst gewählt, teilweise auch rex bibendi genannt, was auf den stark gesteigerten Weinkonsum während der Festtage hinweist.

Saturn und das Goldene Zeitalter
Saturn galt als mythischer König aus Roms Vorgeschichte, unter dem paradiesische Zustände herrschten: Frei von Neid und Missgunst gehörte alles allen und auch geackert werden musste nicht, da die Früchte von selbst gediehen. Diese Vorstellung vom Goldenen Zeitalter prägte das Fest und rechtfertigte die zeitweise Aufhebung sozialer Hierarchien.
Wissenschaftliche Quellen: Die Darstellung der Saturnalien basiert auf antiken Quellen wie Titus Livius, Macrobius’ »Saturnalia«, sowie den Schriften von Cicero, Catull, Martial, Tacitus, Plinius, Seneca und Horaz. Moderne wissenschaftliche Aufarbeitungen finden sich in Werken wie »Der Neue Pauly« (Hrsg. Hubert Cancik und Helmuth Schneider, 1998) und A. und I. König: »Der römische Festkalender der Republik« (1991).
Das Wilde Heer: Odin und seine Einherjer
Die germanische Mythologie prägte die Vorstellungen der Raunächte. Im Zentrum steht die Wilde Jagd oder das Wilde Heer – ein Phänomen, das tief in den germanischen Glauben eingebettet ist.

Die Wilde Jagd: Ein gesamtgermanisches Phänomen
Die Wilde Jagd bezeichnet eine Erscheinung am Nachthimmel, die als Jagdgesellschaft übernatürlicher Wesen interpretiert wurde und vor allem während der Rauhnächte beobachtet wurde. Der Begriff selbst wurde auf Grundlage von Jacob Grimms »Deutscher Mythologie« (1835) geprägt.
Das Phänomen ist im gesamten germanischen Raum bekannt: In Skandinavien als Odensjakt (»Odins Jagd«), Oskorei oder Åsgårdsrei (»der asgardische Zug«), in den alemannischen und schwäbischen Mundarten als Wüetisheer, in England als »the Wild Hunt«, in Frankreich als »Mesnie Hellequin«.
Odin als Anführer des Wilden Heeres
In Schweden wird als Anführer der Wilden Jagd Odin genannt. Die Namen selbst verraten den Ursprung: Der Anführer heißt häufig »der Wode«, aus Dänemark ist der Name Odinsjäger überliefert, in Schweden spricht man von der Odensjagd. Die Bezeichnung Wodansjagd beziehungsweise Wodansheer wurde im Althochdeutschen zu Wuotansheer. Als diese Namen nicht mehr verstanden wurden, machte man daraus das »Wütende Heer«.
Die mythologische Grundlage: Nach altgermanischem Mythos sammelt Odin um sich die besten Krieger, und nur der im Kampf Gefallene kommt zu ihm nach Walhall. Sie sind auserwählt, unter Anführung des Gottes selbst in der Endzeit zum Kampf anzutreten gegen die Mächte der Weltzerstörung.

Die Einherjer: Odins Krieger
Einherjer bezeichnet in der nordischen Mythologie die gefallenen Krieger, die nach germanischem Glauben von den Walküren vom Schlachtfeld zum Heervater Odin nach Walhall geführt werden und dort in einem Kriegerparadies sorgenfrei leben.
Ihr Leben in Walhall war von besonderen Ritualen geprägt: Tagsüber kämpfen sie gegeneinander in Übungen, bei denen sie bis zum Tod stritten. Dann erwecken die Walküren die Gefallenen mit einem Kuss wieder zum Leben. Abends zechen sie gemeinsam in froher Runde.
Im Volksglauben hat sich bis in die Neuzeit die Vorstellung erhalten, dass Wodan zur Zeit der Herbststürme in der Wilden Jagd mitsamt dem Heer der Verstorbenen durch den Himmel bewegt.
Wissenschaftliche Deutungen
Der Religionswissenschaftler Jan de Vries nennt mehrere Hintergründe: Das Maskentreiben während der Julzeit mit dämonenhaftem Charakter trage zur Ausbildung der Sage bei, zudem erinnert das Wilde Heer an die Einherjer der Walhalla und schließlich mag auch das feralis exercitus (»Totenheer«) der Harier, eines germanischen Stammes, der bei Tacitus Erwähnung fand, einen möglichen Hintergrund zum Wilden Heer gebildet haben.
Die amerikanische Religionswissenschaftlerin Kris Kershaw setzt die Wilde Jagd in weitere Beziehungen zu den indischen Maruts und beleuchtet die Verwandtschaft zur griechischen Gefolgschaft der Hekate, was auf indogermanische Wurzeln des Phänomens hinweist.
Wissenschaftliche Quellen: Die Forschung zur Wilden Jagd basiert auf Jacob Grimms »Deutsche Mythologie« (1835), den Arbeiten von Jan de Vries und Kris Kershaw sowie den mittelalterlichen isländischen Quellen (Edda, Heimskringla von Snorri Sturluson, 13. Jahrhundert).
Frau Perchta und Frau Holle: Weibliche Macht in den Raunächten
In Süddeutschland und Österreich kennt man Frau Perchta, im Norden Deutschlands Frau Holle. Frau Perchta ist eine Sagengestalt aus der kontinentalgermanischen Mythologie, die vermutlich unter Assimilation keltischen Substrats aus der nordischen Göttin Frigg hervorgegangen ist.
Die Germanistin Erika Timm untersuchte diese Verbindungen ausführlich und stellte fest, dass diejenigen Germanengruppen, die nach Süddeutschland zogen, ein weibliches Numen mitbrachten, das dem mitteldeutschen sehr ähnlich war, aber bald mit Elementen aus dem Brauchtum der Alteinwohner ausgestattet wurde.
Perchta bestraft Faulheit und Verstöße gegen Festgebote, belohnt aber Fleiß und Hilfsbereitschaft – ein Motiv, das sich auch im Märchen von Goldmarie und Pechmarie wiederfindet. An manchen Orten ist auch eine Frau Teil der Wilden Jagd, in Mitteldeutschland Frau Holle, in Süddeutschland und Österreich Perchta.
Wissenschaftliche Quellen: Die Forschungen zur Perchta basieren auf den Arbeiten der Germanistin Erika Timm sowie volkskundlichen Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Traditionen und Rituale in den Raunächten
Das Räuchern
Das Ausräuchern von Haus und Hof mit Weihrauch, Wacholder, Beifuß oder Tannen- und Kiefernharz sollte böse Geister fernhalten und Schutz gewähren. Früher zog die Familie gemeinsam durch Haus und Hof, der Vater mit der Räucherpfanne voran.
Durch die Annahme einer Verbindung zwischen der realen und der jenseitigen Welt entwickelten sich Regeln und Bräuche. So mussten Frauen und Kinder abends zuhause bleiben, es durfte keine Wäsche aufgehängt werden – denn man glaubte, Geister würden sich in der aufgehängten Wäsche verfangen.

Orakel und Zukunftsdeutung
Jede der zwölf Nächte sollte prophetisch auf einen der zwölf Monate des kommenden Jahres hinweisen. Die Menschen beobachteten das Wetter, deuteten ihre Träume und befragten Karten. Das heute noch bekannte Bleigießen (mittlerweile eher Zinn- oder Wachsgießen) zu Silvester hat seinen Ursprung in diesen alten Orakelbräuchen.
Perchtenläufe
In der letzten der zwölf Raunächte finden in vielen Alpenregionen sogenannte Perchtenläufe statt. Eine Gruppe von Menschen verkleidet sich mit schaurigen Masken und Pelzumhängen und zieht durch die Dörfer. Sie tragen Kuhglocken und Ruten, um mit Lärm die Geister zu vertreiben.
Es gibt Schönperchten, die das Licht und Leben verkörpern, und Schiachperchten (oder Krampusse), die als dunkle, bedrohliche Gestalten auftreten. In der Mitte steht oft Frau Perchta selbst – mit zwei Gesichtern als Verkörperung der Dualität von Licht und Schatten.
Moderne Bedeutung: Innere Einkehr statt Aberglauben
Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich der Ursprung der Raunächte nicht mit letzter Sicherheit klären. Herkunft und Entwicklung der Raunächte-Überlieferung sind wissenschaftlich ungeklärt. Dennoch haben diese zwölf Nächte bis heute ihre Faszination bewahrt.
In unserer modernen Zeit bieten die Raunächte eine Gelegenheit zur Rückbesinnung. Während die alten Ängste vor Geistern und Dämonen längst verblasst sind, bleibt die Idee des Innehaltens aktuell. Das alte Jahr Revue passieren lassen, sich auf das Wesentliche konzentrieren und mit bewussten Gedanken ins neue Jahr gehen.
Die Zeit zwischen den Jahren lädt ein zum Träumen, Reflektieren und zur stillen Beobachtung – eine kostbare Pause im hektischen Jahresrhythmus.
Zusammenfassung: Ein lebendiges Erbe
Die Raunächte sind ein faszinierendes Beispiel dafür, wie sich uralte Traditionen durch die Jahrhunderte transformiert haben. Vom Ausgleich zwischen Mond- und Sonnenjahr über germanische Winterfeste und römische Saturnalien bis heute – viele Schichten haben sich überlagert.
Was bleibt, ist eine Zeit besonderer Qualität: dunkel, mystisch und voller Möglichkeiten. Eine Zeit, in der wir uns an die Wurzeln unserer Kultur erinnern und gleichzeitig unseren eigenen, zeitgemäßen Umgang mit dieser besonderen Phase finden können.
Weihnachten hat viele Ursprünge und Traditionen: Die Raunächte, das Wilde Heer und die Saturnalien sind nur einige. Was immer ihr auch feiert, was ihr auch mitnehmt, ich hoffe, diese besondere Zeit bringt euch Freude und Glück.
Und was hat das alles mit meinen Büchern zu tun?
In meinen Geschichten kommen sowohl die Saturnalien als auch die Raunächte vor, und viele meiner Protagonisten feiern Weihnachten. Meist auf sehr eigene Art wie Skandar und seine Männer am Ende von »Valentin – Verschlungene Pfade zum Glück«, Alex, Markus und Jonas in »Aus Drei wird Liebe« und Connor und seine Wahlfamilie in »Eichenkreis der Liebe«. Eines meiner Bücher mit fünf Kurzgeschichten dreht sich um diese besondere Zeit.
»Winterzauber und Raunachtglanz« erzählt von Geri und Freki, vom Zauber der Nordlys und den rauen Nächten. Mythisch, manchmal melancholisch und voller Gefühl.
Quellen und weiterführende Literatur
Antike Quellen zu den Saturnalien:
· Titus Livius: Ab urbe condita
· Macrobius Ambrosius Theodosius: Saturnalia (5. Jh. n. Chr.)
· Cicero, Catull, Martial, Tacitus, Plinius, Seneca, Horaz (diverse Schriften)
Moderne wissenschaftliche Literatur:
· Götz Distelrath: Saturnalia, in: Der Neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, Bd. XII, Hrsg. Hubert Cancik und Helmuth Schneider, Weimar 1998
· A. und I. König: Der römische Festkalender der Republik, Stuttgart 1991
Germanische Mythologie und Wilde Jagd:
· Jacob Grimm: Deutsche Mythologie (1835)
· Snorri Sturluson: Edda (13. Jahrhundert)
· Jan de Vries: Religionswissenschaftliche Studien zur Wilden Jagd
· Kris Kershaw: Forschungen zur Wilden Jagd und indogermanischen Vergleichen
Frau Perchta und regionale Traditionen:
· Erika Timm: Germanistische Studien zu Perchta und Frau Holle
Die hier dargestellten Informationen basieren auf wissenschaftlichen Quellen und historischen Belegen, wobei viele Details – wie bei mündlich überlieferten Traditionen üblich – regional variieren und wissenschaftlich nicht abschließend geklärt sind.




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