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Götterspeise an Halloween

Ein Werwolf, ein Bruder, ein Fluch und dreihundert Liter Wackelpudding.
Diese Halloweennacht endet anders, als Trason dachte.

Antonia Sandmann hat zu einer Challenge aufgerufen und fünf Begriffe vorgegeben:

• eine Badewanne voller Wackelpudding

• Kirche

• Leiter

• Friedhofsgärtner

• Betonmischer



Der Nebel kroch zwischen den Buchen hindurch, als wäre er mein Komplize. Schon seit Jahrtausenden half er mir, während ich durch Wälder wie diesen streifte, auf vier Pfoten oder gebückt auf zwei Beinen. Meist verbarg ich mich vor den Menschen. Heute bejubelten sie jedoch Monster wie mich.

Auf meinem Weg in die Innenstadt kam ich an Kürbisfratzen, künstlichen Spinnennetzen und Lichterketten vorbei. Lüttpütt, das mecklenburgische Kleinstädtchen, feierte Halloween, als gäbe es kein Morgen. Im Stadtzentrum wehten von den Fressbuden Düfte heran, die mir den Geifer von den Lefzen tropfen ließen. Grillwürste, Käsespieße, Fleischpfannen. Die Menschen hier mochten es deftig und spülten das fette Zeug mit viel Alkohol herunter. Vielleicht mussten sie sich auch Mut antrinken, denn mit so lächerlichen Verkleidungen wäre ich nicht einmal vor tausend Jahren umhergezogen. Sie warfen sich Masken über, weil Gruseln ihnen Spaß bereitete. So stellten sie sich Ungeheuer vor.

Ich hätte gelacht, wäre ich noch dazu fähig gewesen. Aus meiner Kehle drang nur ein Geräusch wie ein stotternder Motor. Sprechen konnte ich längst nicht mehr. Die Worte lagen noch irgendwo in mir, tief verschüttet, doch meine Schnauze formte daraus nichts als Grollen. Wer es hörte, rannte normalerweise davon. Außer an Halloween, der Nacht, in der die Sterblichen dem Wahnsinn verfielen und ein Wolf auf zwei Beinen niemanden wunderte.

»Geiles Kostüm, Alter«, rief jemand.

Von selbst hob sich meine Pranke, um dem Kerl das dümmliche Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. Da erregte eine vertraute Gestalt vor dem Backsteingebäude der gotischen Kirche meine Aufmerksamkeit.

Lykas.

Mitten im Gewühl bewegte sich mein Bruder mit einem Pappbecher in der Hand und lachte, als hätte der Fluch ihn nie berührt.

Wir teilten dasselbe Blut, waren Söhne von König Lykaon dem Arkadier. Gemeinsam verfluchte Zeus uns zu Untieren. Und doch stand er jetzt dort in menschlicher Gestalt.

Ein Kind zupfte an seinem Ärmel, eine Hexe, höchstens sechs, mit riesigem Hut und einer Zahnlücke. Sie hielt ihm ihre Kürbislaterne hin, und mein Bruder ging in die Hocke und prüfte die Kerze mit dem Ernst eines Statikers.

»Die brennt schief«, hörte ich ihn sagen. »Aber schief brennt am schönsten.«

Mir wurde übel. Neid fraß sich durch meine Eingeweide, als die Kleine sich abwandte und mit einem breiten Grinsen davonhüpfte.

Er gehörte dazu. Der Bäcker drückte ihm eine Tüte in die Hand, eine alte Frau strich ihm über den Arm. Niemand fragte, was in ihm schlief. Mir schenkte die Welt immer nur Kälte. Ihm gewährte sie Gemeinschaft und Punsch.

Schon früher hasste ich unseren jüngsten Bruder, den Freundlichen, das Ziel unserer derben Streiche. Jetzt wollte ich, dass er all das hier verlor und litt wie ich.

Aus dem Schatten einer Gasse beobachtete ich, wie er auf den kleinen Kirchvorplatz zustrebte. Von Lampions umkränzt stand dort eine gusseiserne Badewanne auf Klauenfüßen. Etwas Grünes zitterte darin. Es brauchte einen Moment, bis ich es erkannte. Eine Badewanne voller Wackelpudding, Waldmeister, so leuchtend, dass er im Schein der Laternen giftig strahlte. Gummispinnen, Plastikaugen und Bonbons trieben in dem Glibber. Am Rand hing ein Schild, dessen Aufschrift ich bebend entzifferte.

Mutprobe! Wer das goldene Kürbisbonbon mit dem Mund findet, gewinnt ein Karaoke-Set mit zwei Mikrofonen.

Neben der Wanne ratterte ein orangefarbener Betonmischer, aus dessen Bauch Nachschub schwappte.

»Dreihundert Liter!«, rief ein gedrungener Mann in Gummistiefeln, die Hände in die Seiten gestemmt. Auf seiner Mütze prangte ein Aufnäher: Friedhofsgärtner. »Traut euch. Die Trommel habe ich dreimal ausgespült, da findet ihr nur noch ein paar Körnchen Zement.«

Gelächter erklang. Mein Bruder prostete ihm zu und verschwand durch die Doppelflügeltür der Kirche. Mit einer Leiter aus altem Holz, an zwei Stellen mit Draht geflickt, kehrte er zurück und lehnte sie an das Kirchenportal, vermutlich, weil über der Tür lose Enden einer Lichterkette baumelten.

Lykas gehörte so sehr dazu, dass er nicht einmal fragte, sondern einfach die Initiative ergriff. »Sicher?«, erkundigte sich der Friedhofsgärtner.

»Ich fall schon nicht, Ewald«, erwiderte er und stieg hinauf.

Ich löste mich aus dem Schatten und glitt näher. Noch zwanzig Schritte, dann könnte ich ihm zeigen, was es hieß, ausgestoßen zu sein. Allein. Ein Stoß genügte, vielleicht ein Knacken, ein gebrochener Knochen, der sich unter den Blicken der Menschen wieder zusammenfügte. Unsterblichkeit hatte ihre Vorteile; dieses Mal würde sie ihn jedoch entlarven.

»Na, das nenne ich mal ein Kostüm!«

Ich erstarrte. Aus dem Nichts war Ewald vor mir aufgetaucht und verstellte mir den Weg.

»Dieses Fell«, murmelte er und umkreiste mich, »die Reißzähne und der giftige Blick. Wie ein echter Werwolf. Dafür gibt es glatt einen Sonderpreis.«

Entgeistert schaute ich ihn an und wollte ihm erklären, dass ich niemanden aus Spaß erschreckte, nur aus Überzeugung.

Heraus kam ein tiefes, rollendes Grollen.

»Sogar die Stimme passt perfekt.« Er drückte mir einen Plastikbecher in die Pfote. »Hier, probier, lohnt sich. Meine Frau sagt, ich kann nichts außer Hecken schneiden und Pudding rühren.« Pfeifend zog er davon und ließ mich mit einem Würfel Waldmeistergelee im Becher stehen.

Vorsichtig ließ ich die Zunge darüber gleiten. Verfluchte Süße, ist das lecker!

Langsam bewegte ich mich auf Lykas zu, der auf der obersten Sprosse balancierte und konzentriert, den Rücken zu mir gekehrt, Kabel durch Haken fädelte.

Ich schob mich bis an den Fuß der Leiter, und meine Klauen fanden das Holz.

»Du stehst im Licht, Bruder«, raunte er mit einer Stimme, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte. Früher war sie meist ein furchtsames Flüstern, jetzt klang sie halb amüsiert, mit einer Wärme im Tonfall, die mir einen angenehmen Schauer verpasste.

»Wie?«, grollte ich.

»Deine Haltung, Trason. So standest du immer da, wenn du was Dummes vorhattest.« Er wandte sich zu mir um. »Du hast dir Zeit gelassen.«

Etwas schnürte mir die Kehle zu. Wir Brüder hatten ihm übel mitgespielt – ich vielleicht weniger als die Älteren. Ich war froh gewesen, dass er nach mir geboren wurde und mich als Zielscheibe der bösartigen Streiche ablöste.

Heute wird er mir das heimzahlen, dachte ich, denn er hatte mich bemerkt und trotzdem so getan, als sei ich nicht da.

Aus meiner Brust rollte ein Grollen, schwer wie Donner. »Du solltest stürzen wie ich.«

Einige drehten sich zu uns um.

»Vielleicht irgendwann.« Langsam stieg er die Leiter herab. »Nicht heute, Trason.« Die letzten Sprossen sprang er herunter und stellte sich vor mich.

Lykas sah älter aus als in meiner Erinnerung. Kein Wunder, er war als Junge aus dem väterlichen Palast geflohen, lange vor dem Fluch.

Sein Gesichtsausdruck ließ mich zurückweichen. Er lächelte mich an, freundlich und ohne Angst oder Zorn, eher wie eine Einladung.

Der Anblick entlockte mir ein Brüllen, einen einzigen rauen Laut, und in ihm steckten alle Worte, die ich nicht mehr besaß. Uns trafen derselbe Fluch und dasselbe Elend, und dennoch hast du Freunde, Wärme und Kinder mit Laternen. Mir gehört nur die Einsamkeit des Waldes.

Ruhig schaute er mich an. »Du warst am Frevel beteiligt, ich nicht«, sagte er leise. »Vor langer Zeit erhielt ich die Möglichkeit, mich zu beweisen. Mir wurde von Artemis ein Ausweg geboten, von dem ich nicht wusste, was er mich kosten würde. Jetzt stehe ich vor dir als Mensch. An jedem Vollmond findet mich jedoch Zeus’ Fluch. Meine Knochen brechen, mein Körper wird zerrissen, und ich verwandele mich zurück in das Monster, mit dem der Götterkönig uns gestraft hat.«

Ich knurrte. Ein langer, harter Ton. Du Mensch. Und ich?

Seine Augen schimmerten feucht, als hielte er Tränen zurück. »Es tut mir leid, Trason. Helfen kann ich dir nicht, aber du musst nicht allein sein. Komm mit mir.«

Meine Knie zitterten, und ich wich einen Schritt zurück, noch einen.

Ich hasste ihn und wollte kein Mitleid. Ich wollte wieder ein Mensch sein!

Etwas griff nach meinem Fuß, nein, ein Knöchel verhakte sich im Kabel des Betonmischers und ließ mich taumeln. Ich ruderte hilflos mit den Pranken wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln.

Rücklings fiel ich und landete in voller Länge in der gusseisernen Badewanne.

Plopp.

Der Pudding schloss sich über mir. Süßer Waldmeister überall, in den Ohren, im Fell, zwischen den Zähnen. Ich tauchte auf, prustete klebriges Zeug und versuchte, die Gummispinnen und Plastikaugen abzuschütteln. Um mich herum wurde es still.

Die Menschen starrten mich mit offenen Mündern an: ein grünes Untier, das bis zur Brust in Gelee steckte.

Zwischen den Fangzähnen spürte ich etwas Hartes.

»Der Werwolf hat gewonnen«, krakeelte ein Kind, und ich hörte Enttäuschung in seiner Stimme. »Das goldene Kürbisbonbon. Das ist so gemein.«

Gemein? Was sollte ich sagen? Dreitausend Jahre Einsamkeit wegen eines einzigen Fehlers.

Der Jubel brach über mich herein wie eine Welle. Pfiffe, Gejohle, Hände, die mich aus der Wanne zerrten. Jemand legte mir ein Handtuch um die Schultern. Ewald setzte mir eine Pappkrone auf, und die kleine Hexe mit der Zahnlücke drückte mir einen Karton in die Arme. »Viel Spaß beim Karaoke!«, sagte sie.

»Sonderpreis!«, rief Ewald und hob meine Klauenhand in die Höhe. »Bestes Kostüm überhaupt, so realistisch, dass es fast echt wirkt.«

Ich wollte fliehen, brüllen, den Platz in Schutt legen, wie es sich für ein Untier wie mich gehörte. Stattdessen stand ich da, tropfend und mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht. Das Lachen um mich herum wärmte das Ding in meiner Brust und ließ es schneller schlagen. Keiner wich vor dem Ungeheuer zurück. Ein Kind zupfte an meinem Fell, ein Mann verlangte ein Foto, und ich begriff, dass sie mich nicht fürchteten und mich anfassten. In dreitausend Jahren hatte das niemand gewagt.

Im Augenblick der Freude kam mir Lykas mit ausgestreckten Händen entgegen. Wissend lächelte er mich an. Dabei hatte ich ihn in unserer Kindheit genauso grausam behandelt wie unsere Brüder. Die Erinnerung traf mich hart. Vielleicht hatte er den Fluch wirklich nicht verdient, wir anderen Lykaoniden jedoch schon.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Hammerschlag, und der Karton rutschte mir aus den Pfoten. Ich wirbelte herum und rannte weg, ohne zurückzusehen. Erst als ich den Wald erreichte, verlangsamte ich das Tempo. Der Nebel empfing mich wie einen alten Bekannten. Triefend und atemlos lehnte ich mich an eine Buche, ballte die Klauen zu Fäusten und wartete darauf, dass der Zorn zurückkehrte.

Nichts passierte. Ich fühlte keine Wut, sondern Scham über das, was ich getan hatte, und Trauer darüber, dass ich meine Strafe dafür bekommen hatte.

Schritte raschelten im Laub. Lykas war mir gefolgt. In einiger Entfernung stoppte er und stellte etwas ins Moos.

»Eine Thermoskanne mit Punsch und ein Handtuch, das nicht klebt.« Er zögerte. »Ich habe jedes Grollen verstanden, Trason. Meine Tür steht dir offen, wann immer du hindurchgehen willst.« Langsam wandte er sich ab und verließ mich.

Mit der Laterne in der Hand nahm er nicht nur das Licht mit. Auch die Wärme in meiner Brust schien davonzufließen.

Wieder allein, steckte ich gedankenverloren eine Pfote ins Maul und schloss die Lider.

Es schmeckte süß nach Waldmeister und der Gemeinschaft, die mich für kurze Zeit willkommen geheißen hatte. Genüsslich leckte ich den Pudding ab und schwor mir, die Menschen morgen erneut zu hassen. Oder übermorgen.

Doch heute Nacht aß ich Götterspeise und spürte dem wärmenden Funken in meinen Innern nach.


© Sabine Reifenstahl 2026



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