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Switching for Christmas

Special zu »Winterwaldrefugium«: Robins Geschenk
»Wie viele Doms braucht man, um eine Tannenbaumkugel aufzuhängen?«

Skandars Lebensgefährte und Sub fragte mit einem verschmitzten Grinsen: »Wie viele Doms brauchen wir, um eine Tannenbaumkugel aufzuhängen?« Auffordernd schaute er sich um.

»Mindestens drei«, verkündete Alessio.

Empörtes Raunen erklang.

Kieran verschränkte die Arme vor der Brust, seine Lippen zuckten. »Tollkühne Worte.«

Zufrieden lehnte ich mich zurück und beobachtete meinen Mann voller Liebe. Alessio, unser Partner, schmiegte sich an mich. Dies war unser Geschenk. Für ein paar Stunden sollte unser Liebster die Verantwortung abgeben. Die schmucklose Tanne vor uns wartete darauf, zum Symbol dafür zu werden.

Der Club Elysion war unserem Gefährten Kieran unheimlich wichtig, und das nicht, weil er ihn gegründet hatte und einer der Inhaber war. Es brauchte lange, bis ich erkannte, was diesen Ort ausmachte, und jetzt wollte ich zeigen, dass ich verstanden hatte.

Alle waren in ausgelassener Stimmung und frotzelten. Mir gefiel die Atmosphäre und ich entspannte.

»Lady Rowena, bitte sucht eine goldene Kugel mit Sternendekor heraus«, forderte Dorian.

Die Femdom reagierte sofort und hob den Zierrat in die Luft.

»Master Skandar, bitte nehmt die Kugel entgegen und richtet den Anhänger an der Krone. Wie ich hörte, kennt Ihr Euch mit Verschnürungen und Hängevorrichtungen aus.«

Mit reglosem Gesicht folgte der Dom der Anweisung seines Subs. In seinen Augen blitzte jedoch der Schalk. Tatsächlich waren die Shibari-Sessions von Skandar legendär, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, was an Fesselspielen so toll sein sollte.

»Master Kieran, Euch wird die Ehre zuteil, den Schmuck am zweiten Ast von unten, der von mir aus auf neun Uhr steht, zwei Zoll von der Zweigspitze entfernt zu platzieren.«

Schlingel!, dachte ich amüsiert. Mein Mann musste das Maß umrechnen und ohne Hilfsmittel schätzen.

Alessio stieß mich mit der Schulter an. »Darf ich nachmessen?«

Bestätigend drückte ich ihm einen Kuss in den Nacken.

Mit elegantem Hüftschwung schlenderte er zum Baum und überprüfte die Arbeit mit einem Maßband. »Fünf Zentimeter, das lassen wir mal für einen ungeübten Anfänger durchgehen.«

Kieran schnaufte.

»Aber ich bin sicher, ein anderer Zweig war gemeint, nämlich der hier«, fuhr Alessio ungerührt fort und wackelte an dem darunter liegenden.

Dorian nickte. »Genau. Dafür wird Robin dich im Anschluss angemessen bestrafen.«

Mein Partner blinzelte und warf mir einen flehenden Blick zu. »Eine öffentliche Bestrafung? Warum hältst du das für eine gute Idee?«

»Weil du mir vertraust«, erwiderte ich ruhig.

Augenblicklich herrschte Totenstille. Im Grunde setzte ich mich über die Regeln des Clubs hinweg.

»Das tue ich blind. Ich vertraue dir, mein Herz.« Ein Lächeln zupfte an Kierans Lippen, er entspannte endlich die Schultern und begab sich vollständig in unsere Hände, gewiss, dass ich auf ihn achten würde. Sein Rücken streckte sich, als fiele eine Bürde von ihm ab. Die grünen Iriden funkelten und die Sorgenfalten glätteten sich. Von einem Wimpernschlag zum nächsten wirkte er viel jünger.

Genau das hatte ich beabsichtigt, er sollte sich fallenlassen, die Verantwortung abgeben und den Moment genießen.

Wir scheuchten die Doms und die Femdom abwechselnd um den Baum. Kugeln, Glocken, Engelshaar und Lichterketten fanden ihre Plätze. Die Dominanten machten ihre Sache hervorragend. Unter unserer Anleitung entstand ein Meisterwerk. Zumindest in meinen Augen, denn dieser Weihnachtsbaum erstrahlte im Licht von Einvernehmlichkeit und Vertrauen, den Grundregeln, die Kieran für diesen Club festgelegt hatte. Die Machtmenschen gaben aus freien Stücken ihre Vorherrschaft ab und ließen sich leiten, ohne es als Demütigung zu empfinden. Sie schenkten uns, was sie sonst verlangten: Hingabe.

Nur noch die Krönung des Ganzen fehlte.

Ich stand auf. »Kieran!«

Er drehte sich zu mir. »Ja?«

»Erweist du uns die Ehre, die Christbaumspitze aufzusetzen?« Ich hielt ihm das kunstvolle Kleinod hin, das ich in einer Glasmanufaktur in Auftrag gegeben hatte. Mein Herz schlug schneller vor Aufregung. Würde er die Symbolkraft darin erkennen?

Blinzelnd betrachtete er das Kunstwerk und kämpfte mit den Tränen. Die sechs facettierten Zacken umschlossen ein in Bronze- und Goldtönen eingearbeitetes Relief. Es zeigte einen antiken Schlüssel mit verschnörkeltem Kopf und geschwungenem Bart, den zwei Hände umfingen.

»So sehen wir dich, Kieran. Der Schlüssel ist mehr als ein Symbol für das Elysion. Er steht für Vertrauen, für Türen, die freiwillig geöffnet werden. Und für Grenzen, die man nur gemeinsam überschreitet.«

Kierans Atem stockte, als er mit den Fingerspitzen sacht über die Gravur strich.

»Deine Hände halten ihn nicht fest, sie bewahren ihn wie ein Versprechen.«

Wie erstarrt verharrte er, seine Unterlippe zitterte.

Zärtlich wischte ich die Nässe von seinen Wangen. Mein Mann weinte vor Rührung, nichts, wofür er sich schämte. Vorsichtig nahm er den Stern entgegen. »Du hast ihn extra für mich anfertigen lassen.«

»Und für diesen Club. Als Beweis, dass ich dieses Refugium nicht nur respektiere, sondern dich unterstützen möchte, einen sicheren Hafen zu schaffen, ein Stück Heimat.«

Andächtige Stille folgte.

Skandar sah mich an und klatschte. Unsere Freunde fielen in diese Geste ein. »Besser hätte niemand es ausdrücken können«, sagte er. »Häng diese Kostbarkeit später über dem Empfangstresen auf. Nicht als Dekoration, es ist ein Versprechen an jeden, der durch diese Tür tritt. Hier können wir sein, wie wir wirklich sind, und müssen uns nicht verstecken.«

Alessio trat zu uns. »Genau wie das Forsthaus am See für unsere Familie«, raunte er und küsste Kieran. Ein schelmisches Grinsen huschte über sein Gesicht. »Master Kieran, du hast gefehlt, dich erwartet eine Strafe!«

Unverständnis malte sich in die Züge unseres Mannes. Vielleicht auch Enttäuschung, weil er fürchtete, dass wir diesen feierlichen Augenblick zerstören könnten.

Gewiss nicht. Ich winkte Rowena zu und Musik setzte ein. Die ersten Töne von Chris Isaaks Gitarrenintro schwebten durch den Raum. Sanft, klar, hallend, jede Note wie ein Atemzug. Wicked Game schien mir wie extra komponiert für diesen Moment. Ich beobachtete Kieran, wie er den Kopf neigte, den Mund leicht geöffnet, als sauge er den Klang ein.

»Als Strafe für das Malheur am Baum bestimme ich einen Tanz, bei dem du dich mir vollkommen hingeben musst. Bereit?« Ich deutete eine Verbeugung an.

Ein wissendes Lächeln glitt über seine Lippen. »Es ist mir eine Freude.« Erneut begab er sich unter meine Kontrolle, einfach so.

Ich legte eine Hand an seine Taille, mit der anderen umschloss ich seine Finger.

Die Gitarrenmelodie verband uns wie ein unsichtbares Seil, das die Bewegungen synchronisierte. Kieran lehnte sich an mich, und ich spürte, wie seine Wärme mich umfing.

Die ersten Takte verflossen und mit jedem weiteren Schlag der Gitarre wurde unsere Nähe vertrauter, ein stilles Versprechen, dass wir einander für immer halten würden.


© Sabine Reifenstahl 2025



Eine ausführliche Version ist in »Winterwaldrefugium« enthalten.



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