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»Manchmal ist Liebe nicht genug«, wisperte Adrian zum Abschied und floh.

Was sollte das? In den letzten Monaten schien alles perfekt. Wir harmonierten, wie ich es nie erlebt hatte. Wieso machte er aus heiterem Himmel Schluss? Sicher hätte die Geheimniskrämerei mich misstrauisch stimmen sollen. Ich wusste nichts von ihm, er nicht alles von mir. Dennoch liebte ich ihn. Seine sanfte, zuweilen furchtsame Art weckte meinen Beschützerinstinkt.

Verlustangst ballte sich im Magen zur zentnerschweren Last zusammen. Verzweifelt hetzte ich ihm nach und holte ihn in einer Häuserruine ein.

»Tu mir nichts!«, wimmerte Adrian.

Ich erstarrte. Die Panik in seiner Stimme umschloss mein Herz eiskalt.

Mit schützend vors Gesicht gehobenen Armen versuchte er, sich kleinzumachen, und schrumpfte zusehends.

Ungläubig beobachtete ich seine Veränderung. Das war das Dümmste, was er in meiner Gegenwart tun konnte. Speichel sammelte sich unangenehm im Mund. Krampfhaft schluckte ich und unterdrückte den Reflex, den Geliebten zu jagen. Gleichzeitig verfluchte ich das Schicksal.

Nach Äonen hatte ich eine verwandte Seele gefunden, mein Beutetier. Welche Ironie!

Einst war ich Freyas Lieblingskater. Die Göttin beschenkte mich mit einer zweibeinigen Gestalt und Unsterblichkeit. Beide Gaben wurden zum Fluch, denn sie verdammten zur Einsamkeit. Ewig suchte ich nach jemandem mit dem gleichen hybriden Wesen und entdeckte ihn ausgerechnet in Adrian.

Erst als die Maus kläglich piepste, bemerkte ich meine schwindende Selbstbeherrschung. Ungewollt hatte die Verwandlung eingesetzt.

Seine Angst bohrte sich mir frostig in die Brust. Nur wegen der tierischen Seite zweifelte er an dem Versprechen, ihn zu schützen? Von ihr ließ ich mich nicht beherrschen! Als Mensch ging ich in die Hocke, hielt ihm die Hände hin und sagte: »Doch bei uns ist Liebe alles.«

Nach kurzem Zögern schmiegte er sich in meine Handflächen.

Dies Vertrauen wärmte mich innerlich. Hier endete meine Suche, ich war angekommen. Uns verband das Einzige, was zählte.

 

© 2022 Sabine Reifenstahl

Der Text entstand für den BoD Bookcontest. Ich liebe Herausforderungen. Es wurde eine Geschichte mit höchstens 2.000 Zeichen verlangt, der Text hat genau 2.000 Zeichen. Bei 552 Einreichungen ist die Wahrscheinlichlichkeit, ausgewählt zu werden, gering, aber Versuch macht klug.

Da sich kurze Texte bei der Textmanege – das unabhängige Literaturmagazin gut eignen, habe ich den Text dort eingereicht. Ein Besuch dort lohnt sich, Autoren:innen stellen sich mit ihren Texten vor.